Der Artikel untersucht Romano Guardinis Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Macht. Jean Greisch zeigt, dass Guardinis Texte zum Ende der Neuzeit und zur Macht keine streng systematischen Abhandlungen sind, sondern Zeitreden, die Orientierung und Wegweisung geben wollen. Für eine philosophische und theologische Bewertung sind die Begriffe Macht, Autorität, Herrschaft und Gewalt zentral. Sie stehen jeweils in Spannung zu Ohnmacht, Kritik, Knechtschaft und Gewaltlosigkeit.
Guardini beschreibt zunächst den Unterschied zwischen Antike, Mittelalter und Neuzeit. In der Antike erscheint die Welt als Kosmos, aber auch als Raum geheimnisvoller Mächte. Im frühen Christentum wird diese Vorstellung aufgenommen, aber auf Christus bezogen. Christus ist Herr über alle Mächte und Gewalten. Dadurch wird deutlich, dass Macht kein Randthema des christlichen Glaubens ist.
Das Mittelalter versteht Guardini als Epoche, in der der Mensch sich auf Gott hin öffnet und von Gott her die Welt gestaltet. Die Neuzeit dagegen ist geprägt durch Wissenschaft, Technik und den Wunsch, Natur und Geschichte zu beherrschen. Diese Entwicklung bringt große Möglichkeiten, aber auch neue Gefahren. Der Mensch gewinnt Macht über die Natur, über andere Menschen und über gesellschaftliche Systeme.
Guardini versteht Macht als Fähigkeit, Wirklichkeit zu bewegen. Dazu gehören reale Kräfte, ein Bewusstsein, ein Wille und Zielsetzung. Macht ist nicht einfach ein Naturvorgang, sondern ein menschliches Phänomen. Sie ist ambivalent. Sie kann Gutes ermöglichen, aber auch zerstören. Deshalb darf Macht weder verherrlicht noch verteufelt werden.
Greisch erweitert Guardinis Überlegungen durch Bezüge zu Paul Ricœur, Hannah Arendt und Michel Foucault. Ricœur zeigt, dass Gewaltlosigkeit nicht weltfremd ist, sondern eine ernsthafte Antwort auf Gewalt sein kann. Arendt unterscheidet Macht und Gewalt. Macht entsteht dort, wo Menschen gemeinsam handeln, Gewalt kann Macht zerstören, aber nicht erzeugen. Foucault macht darauf aufmerksam, dass Macht nicht nur beim Staat liegt, sondern in vielen sozialen Beziehungen, Institutionen, Überwachungsformen und Wissensordnungen wirkt. Dadurch wird Guardinis Denken für die Gegenwart erweitert, besonders im Blick auf digitale Kontrolle, Big Data und moderne Überwachung.
Theologisch deutet Guardini Macht im Licht der Gottebenbildlichkeit. Der Mensch soll sich die Erde untertan machen, aber nicht als Diktator, sondern wie ein Gärtner oder Hirte. Herrschaft bedeutet Verantwortung, Gehorsam und Dienst. Der Sündenfall zeigt, dass der Mensch dazu neigt, Gottebenbildlichkeit mit Gottgleichheit zu verwechseln. Dadurch entsteht Machtmissbrauch.
Ein weiterer theologischer Schlüssel ist die Kenosis Christi. In Jesus Christus zeigt sich wahre Macht als Demut. Demut ist für Guardini keine Schwäche, sondern Stärke. Christus übersetzt göttliche Macht in Dienst, Gehorsam und Hingabe. Dadurch wird Macht vom Innersten her verwandelt.
Am Ende fragt Greisch, ob die moderne Macht noch gebändigt werden kann. Atomwaffen, Technik, Umweltzerstörung, digitale Überwachung und politische Macht zeigen, dass eine Ethik der Macht dringender ist denn je. Guardini fordert Kontemplation, die Frage nach dem Wesen der Dinge, Selbstbeherrschung, Gottesbezug und verantwortliches Handeln. Greisch ergänzt, dass Menschen wieder lernen müssen, die Gefahren der Macht vorauszudenken. Nur so kann Macht begrenzt und verantwortlich eingesetzt werden.