Der Artikel setzt bei einer unterrichtlichen Erfahrung an: Je nachdem, wen man fragt, entstehen sehr unterschiedliche Vorstellungen von Kirche, oft in Bildern. Diese Vielfalt nimmt Quisinsky als Chance auf und deutet sie als konziliares Erbe, weil das Konzil selbst die Frage stellte: Kirche, was sagst du von dir selbst. Ausgangspunkt ist das Programm des Aggiornamento als neues Pfingsten, also als geistgewirkte Erneuerung, die Kirche für ihre Sendung in der Gegenwart sprachfähig machen soll. Im ersten Schritt klärt der Beitrag, was Kirchenbilder leisten. Sie sind Weisen, das Geheimnis der Kirche auszusagen, ohne es festzulegen. Leitend ist Lumen Gentium 1: Kirche ist in Christus gleichsam Sakrament, Zeichen und Werkzeug der innigsten Vereinigung mit Gott und der Einheit der ganzen Menschheit. Von dort her wird deutlich, dass Bilder immer Dienstcharakter haben. Sie sollen die Kirche nicht auf ein Modell reduzieren, sondern den Blick auf ihre Sendung und ihren Heilsbezug öffnen. Entscheidend ist darum der Horizont von Sakrament und Mysterium. Die Einheit der Kirche zeigt sich gerade darin, dass mehrere Bilder nebeneinanderstehen, weil das Geheimnis größer ist als jede einzelne Metapher. In der Rezeption wird dies durch die Synode 1985 zugespitzt, die das Geheimnis der Kirche als Interpretationsschlüssel nennt und die Ekklesiologie zugleich als Kreuz und Auferstehungs Ekklesiologie versteht, realistisch, weil sie das Spannungsvolle der Geschichte ernst nimmt.
Im zweiten Schritt führt Quisinsky in die konkrete Bildwelt von Lumen Gentium ein, besonders in LG 6. Die Kirche wird dort biblisch als Schafstall und Herde beschrieben, als Acker und Weinberg, als Bauwerk mit Christus als Eckstein, als Haus Gottes und Wohnstatt im Geist, als Zelt Gottes unter den Menschen, als heiliger Tempel und als neue Stadt Jerusalem, schließlich als Braut Christi. Diese Bilder sind nicht passgenau zu einem System zusammengebaut, sondern bilden ein biblisches Feld, das die Fülle kirchlicher Wirklichkeit andeutet. Bemerkenswert ist dabei der Bezug auf das Alte Testament, wodurch das Judentum als bleibend eigenständiger Bezugspunkt sichtbar wird und die Frage nach dem Heilshandeln Gottes über die Kirche hinaus einen weiteren Horizont erhält. Die Bildfelder zeigen zugleich Grundlinien: Kirche ist von Christus her gestiftet, in der Welt geschichtlich unterwegs, eine Vielheit in Einheit, getragen von Christus und Geist, konkret gelebt in den Gliedern, immer auf Einheit mit Gott und untereinander hingeordnet. Daraus folgt eine wichtige hermeneutische Regel für Unterricht und kirchliches Denken: Es geht nicht darum, Kirche nach einem Bild umzubauen, sondern Bilder helfen, Kirche über jeweilige konkrete Gestalten hinaus auf Christus und Gottes Handeln hin zu deuten.
Im dritten Schritt betont der Artikel den analogen Charakter aller Aussagen über Kirche. Lumen Gentium 8 beschreibt Kirche als eine einzige komplexe Wirklichkeit, in der menschliches und göttliches Element zusammenwachsen, ähnlich dem Geheimnis des fleischgewordenen Wortes. Damit werden zwei Kurzschlüsse verhindert: eine rein soziologische Reduktion der Kirche auf Organisation und eine rein spiritualistische Verklärung, die die Geschichte und ihre Ambivalenzen ausblendet. In diesen Zusammenhang ordnet Quisinsky auch das Bild vom Leib Christi ein. Vor dem Konzil dominierte dieses Bild teilweise in stark sakralisierter Form, das Konzil nimmt es auf, stellt es aber in einen größeren Zusammenhang und entfaltet es pneumatologisch: Der Geist macht die Gläubigen zu Gliedern, belebt den Leib und lässt Verschiedenheit der Aufgaben nicht als Störung, sondern als Wesenszug erscheinen. Sakramente sind dabei geschichtliche Orte der Vereinigung mit Christus. Wichtig ist die eschatologische Dynamik: Kirchenbilder beschreiben nicht nur einen Zustand, sondern verweisen auf Gottes Zukunft, die Kirche über sich hinauszieht. Hier setzt das Subsistit an: Die Kirche Christi ist in der katholischen Kirche verwirklicht, ohne dass damit alle Heiligung und Wahrheit außerhalb ihres Gefüges geleugnet würden. Vielmehr drängen solche Elemente auf die katholische Einheit hin. Daraus folgt Demut: die Kirche ist heilig und zugleich der Reinigung bedürftig, unterwegs in Buße und Erneuerung, erkennbar in der Liebe besonders zu Armen und Leidenden.
Im vierten Schritt wird das Bild vom Volk Gottes entfaltet. In LG 9 erscheint die Kirche als messianisches Volk, oft klein, aber Keimzelle von Einheit, Hoffnung und Heil für die ganze Menschheit. Dieses Volk hat Anteil am Priestertum, Königtum und Prophetentum Christi. Damit verbindet das Konzil Einheit und Vielfalt nicht nur innerkirchlich, sondern auch kulturell und geographisch. Katholizität meint, dass Teile ihre Gaben füreinander einbringen. Der Horizont weitet sich bis zur Zuordnung aller Menschen, die durch Gottes Gnade zum Heil berufen sind. In dieser Weite stellt sich die Frage, wie die Bilder Leib Christi und Volk Gottes zusammengehören. Quisinsky zeigt hier die synthetische Kraft des Communio Gedankens. Die Synode 1985 versteht Communio als zentrale Grundidee der Konzilsdokumente. Communio ist weniger ein einzelnes Bild als eine Dimension, die aus dem ganzen Konzil herausgelesen wird. Sie verbindet Vielfalt und Einheit und beschreibt die Kirche als Zeichen und Werkzeug einer versöhnten Menschheit, in der Unterschiede nicht ausgelöscht, sondern in gerechter Ordnung und in einer Zivilisation der Liebe versöhnt werden.
Abschließend reflektiert der Artikel die Geschichtlichkeit von Kirchenbildern heute. Das Konzil war ein Medienereignis und erzeugte neue Bilder von Kirche, die bis in Gesten hinein wirkten. Es gab Enthusiasmus, aber auch Enttäuschung, und eine wachsende Vielfalt kontextueller Kirchenbilder, etwa Kirche als Familie Gottes in Afrika. In Europa verschieben sich Wahrnehmungen zwischen Desinteresse, Kritik am öffentlichen Bild der Kirche und Wohlwollen gegenüber der erfahrbaren Ortskirche, deren Gesicht konkrete Christinnen und Christen sind. Neu ist die Herausforderung digitaler Virtualität, die Beziehungen verändert und kirchliche Kommunikation mitprägt, ohne dass Kirche sich ihr ausliefern darf. Theologisch bündelt Quisinsky diese Perspektiven in der Rückkehr zum Pfingstmotiv: Der Geist befähigt Kirche, Sprachen zu sprechen, Babel Umkehr zu leben und in einer pluralen und auch interreligiösen Welt Einheit zu suchen, ohne Uniformität zu produzieren. Darum ist es ein Fortschritt, wenn die Zeit hinter uns liegt, in der einzelne Kirchenbilder bevorzugt und andere vernachlässigt wurden. Die Vielfalt der Bilder schützt vor Verabsolutierung und hält die Kirche auf ihren Auftrag hin offen.