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Das Konzil bei der Arbeit

Veröffentlichung:1.1.2012

Der Artikel ist im Heft ru heute 03 2012 enthalten unter dem Titel „Das Konzil bei der Arbeit. Fotografien aus dem Nachlass von Hermann Kardinal Volk“ und umfasst sieben Seiten, Seiten 42 bis 48.

Kurzzusammenfassung: Norbert Witsch erschließt das Zweite Vatikanische Konzil aus einer seltenen Innenperspektive: anhand von Fotografien, die der Mainzer Bischof Hermann Volk während des Konzils aufgenommen hat. Der Beitrag erklärt verständlich, wie das Konzil organisatorisch und liturgisch ablief, wer mit welcher Rolle beteiligt war und wie Debatten, Abstimmungen und Textentstehung konkret funktionierten. Dadurch wird sichtbar, dass Konzilstexte nicht abstrakt vom Himmel fallen, sondern Ergebnis eines geistlichen, kirchenrechtlich geregelten und zugleich hochkomplexen Beratungsprozesses sind. Theologisch berührt der Artikel vor allem ekklesiologische Fragen nach Kirche als weltkirchlicher Versammlung unter dem Wort Gottes, nach Autorität und Kollegialität von Papst und Bischöfen, nach dem Zusammenspiel von Lehramt und Theologie sowie nach der Öffnung zur Ökumene und zur Beteiligung von Laien.

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Der Beitrag setzt biografisch an: Schon wenige Monate nach seiner Bischofsweihe reiste Hermann Volk mit Weihbischof Reuß nach Rom. Volk war an der Vorbereitung mehrerer zentraler Konzilsdokumente beteiligt und hielt zugleich mit großer Leidenschaft das Konzilsgeschehen fotografisch fest. Diese Bilder aus dem Nachlass im Mainzer Dom und Diözesanarchiv ermöglichen einen Blick hinter die fertigen Texte auf die konkrete Versammlung und ihre Arbeitsweise. Witsch ordnet zunächst die Zeitstruktur des Konzils ein: Nach der Ankündigung 1959 und der Vorbereitung bis 1962 fand das Konzil von 1962 bis 1965 in vier Sitzungsperioden statt, mit Arbeitsphasen dazwischen, in denen eine Koordinierungskommission die Arbeit weiterführte.

Anschließend erklärt der Artikel den zentralen Arbeitsort und die Logistik. Für die Vollversammlungen wurde das Mittelschiff des Petersdoms zur Konzilsaula umgebaut, mit rund 2500 Plätzen für die Konzilsväter, Tribünen, technischen Anlagen sowie Infrastruktur für die täglich anwesenden Tausenden. Damit wird das Konzil als reale Arbeitswelt sichtbar, in der geistliche Beratung, kirchliche Ordnung und praktische Organisation zusammenkommen.

Ein großer Abschnitt gilt den Teilnehmergruppen und ihren Rechten. Die stimmberechtigten Konzilsväter waren vor allem die Bischöfe der Weltkirche und weitere kirchenrechtlich definierte Gruppen wie Kardinäle, Patriarchen und Ordensobere. Für das Gelingen entscheidend waren die Periti, also Theologen, Kanonisten und Fachleute, die offiziell beriefen wurden, in den Vollversammlungen ohne Stimmrecht anwesend sein konnten und in Kommissionen mitarbeiteten. Der Beitrag nennt beispielhaft prominente Periti wie Rahner und Ratzinger sowie Congar und zeigt, dass ab der zweiten Sitzungsperiode auch Laien als Sachverständige zugelassen wurden. Ergänzend beschreibt Witsch die Hörerinnen und Hörer als Laien ohne Stimm und Rederecht, zunächst wenige, später langsam zunehmend, sowie die Beobachter aus nicht mit Rom verbundenen Kirchen und Gemeinschaften, die neuartig und für die ökumenische Ausstrahlung des Konzils bedeutsam waren.

Mit der Beschreibung der feierlichen Eröffnung am 11. Oktober 1962 zeichnet der Artikel die spirituelle und symbolische Dimension nach: Prozession, Messe vom Heiligen Geist, liturgische Formen und das bewusste Zeichen, dass der Papst als Bischof von Rom auftritt. Danach wird der Alltag der Generalkongregationen als gewöhnliche Arbeitsform erläutert. Die Sitzungen begannen mit Messe, der Inthronisierung des Evangeliums und dem Gebet Adsumus. Gerade dieses Zeichen macht eine theologische Tiefenschicht sichtbar: Im Zentrum steht nicht zuerst menschliche Strategie, sondern die Ausrichtung auf das Wort Gottes als eigentlichen Herrn der Versammlung. Zugleich wird das Leitungssystem erklärt: Präsidium, Generalsekretariat, später die Moderatoren, die Diskussionen steuerten, Tagesordnungen setzten und Redezeiten begrenzten.

Witsch schildert detailliert, wie Debatten funktionierten. Beratungsgrundlage waren Textentwürfe, die Schemata, zunächst in Kommissionen erarbeitet, dann im Plenum vorgestellt und in General und Spezialdebatten diskutiert. Redebeiträge wurden protokolliert, Latein war Verhandlungssprache, Wortmeldungen mussten angemeldet werden, Redezeiten waren begrenzt und der Moderator konnte eingreifen. Bischof Volk und Weihbischof Reuß traten mehrfach mit Interventionen auf. So wird das Konzil als ernsthafte, oft auch konflikthafte Auseinandersetzung sichtbar, in der Zustimmung und Widerspruch offen vorkamen.

Ein eigener Abschnitt erklärt die Abstimmungslogik. Die Väter konnten zustimmen, ablehnen oder zustimmen mit Vorbehalt und Änderungswunsch. Quoren, Mehrheiten, Rücküberweisung in Kommissionen und erneute Vorlage zeigen den iterativen Charakter der Textgenese. Besonders plastisch wird die technische Seite, weil Abstimmungen mit einem Lochkartensystem durchgeführt wurden, das enorme Mengen bewältigte. Darauf folgt die Beschreibung der Öffentlichen Sitzungen, in denen die zuvor beratenen Texte unter dem Vorsitz des Papstes approbiert und promulgiert wurden. Die Formeln und Abläufe verdeutlichen das Zusammenspiel von päpstlicher Vollmacht und bischöflicher Zustimmung, also eine praktisch gelebte Kollegialität innerhalb klarer kirchenrechtlicher Ordnung.

Danach legt der Artikel das Gewicht der Kommissionsarbeit frei. Kommissionen bereiteten Texte vor, bearbeiteten Änderungsanträge und verfassten die Relationen für das Plenum. Witsch erklärt Zusammensetzung, Wahlprozesse und die wichtige Intervention, durch die sich das Konzil von kurial vorgeprägten Wahllisten löste und eigene Listen über Bischofskonferenzen entwickelte. Damit wird ein ekklesiologisch bedeutsamer Punkt greifbar: Die Versammlung fand schrittweise zu mehr Eigenständigkeit und weltkirchlicher Repräsentanz. Auch das Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen wird erwähnt, das die ökumenische Öffnung strukturell sichtbar macht. Bischof Volk war nicht nur Mitglied der Theologischen Kommission, sondern arbeitete auch als Konsultor im Ökumene Sekretariat mit.

Zum Schluss zeigt Witsch die Begegnungen am Rand als Motor der Konzilsdynamik. In informellen Räumen wie den Bars im Petersdom, bei Empfängen, Vorträgen und Arbeitsgruppen der Bischofskonferenzen entstand ein Austausch, der neue Ideen, Alternativentwürfe und Kooperation zwischen Bischöfen und Theologen förderte. Gerade Volk unterstützte diese Zusammenarbeit, auch über Rom hinaus in der Intersession bis nach Mainz. So macht der Beitrag plausibel, wie sich das Konzil aus engen Vorgaben lösen und zu einer offeneren Position finden konnte. Die Fotografien werden damit nicht nur als Dokumente, sondern als Zugänge zur geistlichen und zugleich politischen Realität kirchlicher Entscheidungsprozesse gedeutet, in denen Kirche sich als hörende, ringende und weltkirchlich verantwortliche Gemeinschaft unter dem Evangelium zeigt.

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