Das Medium eignet sich insbesondere für einen fächerverbindenden Religionsunterricht, in dem historische und politische Entwicklungen mit ethischen Fragen nach Freiheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Verantwortung, Frieden und gesellschaftlichem Zusammenhalt verknüpft werden. Dabei sollte das Material nicht ausschließlich zur Vermittlung historischen Faktenwissens eingesetzt werden. Für den Religionsunterricht liegt sein besonderes Potenzial vielmehr darin, die deutsche Teilungs und Einigungsgeschichte als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens zu nutzen. Die Lernenden können untersuchen, welche Bedeutung Freiheit und Selbstbestimmung für Menschen besitzen, welche Verantwortung politische Systeme gegenüber dem Einzelnen tragen und unter welchen Voraussetzungen gesellschaftliche Versöhnung und Zusammengehörigkeit nach jahrzehntelanger Trennung gelingen können. Besonders Arbeitsblatt 3 bietet hierfür Anknüpfungspunkte, da es die friedliche Überwindung der Diktatur in der DDR, die freien Wahlen von 1990 und das Streben nach nationaler Selbstbestimmung behandelt.
Methodisch bietet sich eine arbeitsteilige Erschließung der fünf Arbeitsblätter an. Kleingruppen können jeweils einen thematischen Schwerpunkt bearbeiten und ihre Ergebnisse anschließend in eine gemeinsame historische Entwicklungslinie einordnen. Die Kartenarbeit ermöglicht es den Lernenden, territoriale Veränderungen räumlich nachzuvollziehen und Vorstellungen von Nation, Heimat und Zugehörigkeit zu problematisieren. Die im Material enthaltenen Karikaturen eignen sich besonders für eine schrittweise Bildanalyse. Nach einer zunächst möglichst wertungsfreien Beschreibung können Symbole, Personen, Perspektiven und Gestaltungsmittel erschlossen und anschließend die politische Aussage diskutiert werden. Das Material selbst gibt hierzu bereits konkrete Beobachtungs und Deutungsaufträge vor.
Für den Religionsunterricht empfiehlt es sich, die historischen Aufgaben durch ethische Leitfragen zu erweitern. Lernende können beispielsweise diskutieren, ob politische Freiheit als Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben verstanden werden muss, welche Bedeutung Gewissensfreiheit und Selbstbestimmung besitzen oder welche Verantwortung Menschen übernehmen, wenn staatliche Ordnungen Freiheit und grundlegende Rechte einschränken. Ebenso kann danach gefragt werden, welche Rolle Hoffnung, Mut, Gewaltlosigkeit und Solidarität bei gesellschaftlichen Veränderungen spielen. Auf diese Weise lassen sich Bezüge zu christlichen Vorstellungen von Menschenwürde, Freiheit, Frieden und Verantwortung herstellen, ohne die historischen Ereignisse vorschnell religiös zu deuten.
Besonders ergiebig ist auch Arbeitsblatt 4. Die dort dargestellten wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR und die unterschiedlichen Bewertungen der Währungsunion ermöglichen eine kontroverse Auseinandersetzung mit den sozialen Folgen der Wiedervereinigung. Das Arbeitsblatt fordert ausdrücklich dazu auf, verschiedene Einschätzungen zu prüfen, Alternativen zu diskutieren und zu einem eigenen Urteil zu gelangen. Arbeitsblätter (farbig) Im Religionsunterricht können daran Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, gerechter Verteilung, gesellschaftlicher Solidarität und der Verantwortung für wirtschaftlich Benachteiligte angeschlossen werden. Eine strukturierte Diskussion oder ein begründetes schriftliches Urteil bietet sich hier besonders an.
Arbeitsblatt 5 ermöglicht schließlich einen Gegenwartsbezug. Die Lernenden setzen sich anhand von Statistiken mit der Frage auseinander, inwieweit sich die Lebensverhältnisse in Ost und West angenähert haben. Das Material stellt dabei ausdrücklich unterschiedliche Bewertungen nebeneinander und verweist sowohl auf fortbestehende Unterschiede als auch auf erhebliche Verbesserungen. Arbeitsblätter (farbig) Methodisch können die Lernenden zunächst die Statistiken beschreiben, anschließend Aussagen aus den Daten ableiten und schließlich die Frage diskutieren, woran gesellschaftliche Einheit überhaupt gemessen werden kann. Neben Einkommen und Vermögen können dabei Anerkennung, Teilhabe, Chancengerechtigkeit, gegenseitiger Respekt und gemeinsame Verantwortung als Kriterien eingebracht werden. Eine abschließende Positionslinie oder ein Schreibgespräch zur Frage „Wann ist eine Gesellschaft wirklich vereint?“ eröffnet den Transfer von der historischen Betrachtung zu einer ethischen und religionspädagogischen Reflexion.
Da das Material aus dem Jahr 2015 stammt, sollten insbesondere statistische Angaben nicht als Beschreibung der heutigen Situation behandelt werden. Didaktisch können sie vielmehr als historische Momentaufnahme genutzt und bei Bedarf durch aktuelle Daten ergänzt werden. Gerade der zeitliche Abstand eröffnet die Möglichkeit, die damaligen Einschätzungen mit heutigen Wahrnehmungen zu vergleichen. Insgesamt eignet sich das Medium sowohl für Einzelarbeit und Partnerarbeit als auch für Gruppenarbeit, Quellenanalyse, Karikatureninterpretation, Kartenarbeit, Recherche, Diskussion und Urteilsbildung. Aufgrund der Informationsdichte empfiehlt sich eine gezielte Auswahl einzelner Arbeitsblätter entsprechend der Lerngruppe und der jeweiligen religionspädagogischen Fragestellung.