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Paulus – Apostel der Freiheit

Veröffentlichung:1.1.2019

Der Fachartikel ist im Heft ru heute enthalten und erscheint unter dem Titel „“. Er umfasst die Seiten 9 bis 14 und hat damit einen Umfang von sechs Seiten. Friedrich W. Horn zeigt anhand der paulinischen Briefe, warum Paulus im frühen Christentum besonders stark und eigentümlich von Freiheit spricht und wie diese Freiheit als Befreiungsgeschehen in Christus verstanden wird, das zugleich in eine neue Bindung führt.

Theologisch behandelt der Artikel vor allem diese Probleme: Wie Freiheit im Neuen Testament überhaupt begrifflich und sachlich greifbar wird, warum paulinische Freiheit nicht als beliebige Selbstbestimmung verstanden werden darf, wie Freiheit und Bindung an Christus paradox zusammengehören, wie Gesetz, Sünde und Tod im paulinischen Denken als versklavende Mächte erscheinen, wie die christliche Freiheit die Beziehung zu Tora und Mose neu bestimmt, und wie Freiheit ethisch als Verantwortung in Liebe konkret wird sowie eschatologisch eine kosmische Dimension erhält.

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Der Artikel untersucht die paulinische Rede von Freiheit und beginnt mit einem Blick auf den neutestamentlichen Befund. Die Begriffe Freiheit, frei, befreien und verwandte Ausdrücke kommen im Neuen Testament insgesamt nicht häufig vor, konzentrieren sich jedoch auffallend auf die Briefe des Paulus. In den synoptischen Evangelien spielt der Wortstamm nahezu keine Rolle. Daraus entsteht die Leitfrage, weshalb gerade Paulus die Freiheitsthematik so deutlich profiliert und ob er den Freiheitsbegriff in das frühe Christentum eingebracht hat. Zugleich wird betont, dass eine reine Wortstatistik nicht genügt, weil Freiheit im frühen Christentum auch in Bildern und Gegenbegriffen wie Knechtschaft, Gefangenschaft und Sklaverei verhandelt wird. Dennoch bleibt die paulinische Schwerpunktsetzung erklärungsbedürftig.

Es folgt ein Abschnitt zur Forschungsgeschichte. Als früher wichtiger Beitrag gilt Johannes Weiß, der den Ursprung des paulinischen Freiheitsbegriffs in der griechischen, besonders stoischen Popularphilosophie verortete und Freiheit als Unabhängigkeit von Abhängigkeiten verstand, die Paulus in einen neuen theologischen Zusammenhang gestellt habe. Rudolf Bultmann gab der Freiheit in seiner Theologie des Neuen Testaments eine zentrale Rolle und beschrieb sie als Freiheit von Sünde, Tod und Gesetz, vor allem ausgehend von Römer 5 bis 8. Franz Mußner akzentuierte stärker den Galaterbrief und bezog die Befreiung auch auf dämonisierte Weltelemente. Samuel Vollenweider hob die innere Kohärenz der paulinischen Freiheitsaussagen hervor und betonte besonders die Freiheit vom Gesetz als wiederkehrenden Bezugsrahmen.

Im Hauptteil entfaltet der Artikel die Kontexte von Freiheit in den paulinischen Briefen. Paulus bewegt sich in einer Zeit, in der im hellenistischen Umfeld intensiv über Freiheit diskutiert wird und stoische Konzepte Freiheit als Unabhängigkeit von Begierden und äußeren Zwängen beschreiben, verbunden mit einer Einfügung in die göttliche Weltordnung. Horn zeigt, dass Paulus zwar in einer solchen Diskussionswelt schreibt, aber nie eine Freiheitslehre entwickelt, die aus der menschlichen Natur abgeleitet wäre. Paulus versteht Freiheit vielmehr aus einem Befreiungsgeschehen heraus, das an Jesus Christus gebunden ist. Befreiung meint einen Übergang von Knechtschaft zu Freiheit. Knechtschaft wird bei Paulus mit Sünde, Tod, Gesetz und Vergänglichkeit verbunden, teils auch mit Mächten, die den Menschen bestimmen. Programmatisch verdichtet Paulus dies in Galater 5,1 mit dem Satz, dass Christus zur Freiheit befreit hat. Weitere paulinische Texte sprechen von Befreiung von der Sünde, vom Gesetz der Sünde und des Todes und sogar von einer zukünftigen Befreiung der ganzen Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit hin zur Freiheit der Kinder Gottes. Charakteristisch ist dabei eine Grundparadoxie: Die neue Freiheit ist nicht Grenzenlosigkeit, sondern eine Freiheit, die sich in einer neuen Bindung realisiert, als Dienst für Gott, für Christus oder für die Liebe. Der Befreite kann gerade deshalb als Sklave Christi bezeichnet werden, weil Freiheit im paulinischen Sinn nicht Autonomie ohne Beziehung, sondern eine neue Zugehörigkeit ist.

Anschließend werden die Hauptbriefgruppen einzeln betrachtet. In den Korintherbriefen wird deutlich, dass Freiheit in konkreten Gemeindekonflikten verhandelt wird. Paulus reagiert auf Formeln wie alles ist erlaubt und korrigiert sie durch den Maßstab des Guten und der Rücksicht auf andere. Die neue Freiheit in Christus wirft Fragen nach der sozialen Wirklichkeit auf, etwa im Blick auf Sklaven und Freie. In 1 Korinther 7 rät Paulus grundsätzlich, im jeweiligen Stand zu bleiben, lässt aber Ausnahmen zu, etwa wenn sich für einen Sklaven die Möglichkeit der Freilassung ergibt. Die Begründung arbeitet erneut mit der Paradoxie, dass der berufene Sklave ein Freigelassener des Herrn ist, während der berufene Freie Sklave Christi ist. In 1 Korinther 9 beschreibt Paulus seine apostolische Freiheit exemplarisch als Freiheit zum Verzicht, etwa auf Unterhalt und Rechte, um dem Evangelium zu dienen. Diese Darstellung steht in Nähe zu hellenistischen Vorstellungen philosophischer Unabhängigkeit, wird aber durch die Bindung an Christus neu gerahmt, die Paulus sogar als inneren Zwang deuten kann, der die Freiheit nicht zerstört, sondern als Freiheit im Dienst formt. In 2 Korinther 3 verbindet Paulus Freiheit mit dem Geist des Herrn. In der Auseinandersetzung um Mose, Schrift und Geist arbeitet Paulus die Gegenüberstellung von tötendem Buchstaben und lebendig machendem Geist heraus und deutet die Bindung an Mose und die Gesetzestafeln in scharfer Zuspitzung nicht als Weg zur Freiheit, sondern als Weg in Verurteilung und Tod, während die Hinwendung zu Christus den freien Zugang eröffnet.

Im Galaterbrief wird Freiheit als Freiheit in Christus gegen eine drohende Versklavung profiliert. Konkret geht es um die Frage, ob Heidenchristen beschnitten werden und weitere kultische Gebote übernehmen müssen. Paulus versteht diese Forderung als Rückfall in ein Joch der Sklaverei. Die beiden Leitsätze Galater 5,1 und 5,13 markieren Freiheit als von Christus gewirkte Gabe und als Berufung. Zugleich warnt Paulus vor einem entgrenzten Freiheitsverständnis, das Freiheit als Deckmantel für das Fleisch missbraucht. Die Freiheit soll sich vielmehr in der Liebe als Dienst am Nächsten bewähren, wobei das Liebesgebot ausdrücklich als Maßstab genannt wird. Damit wird deutlich, dass Paulus Freiheit nicht als Abschaffung jeder Norm versteht, sondern als Befreiung von der verurteilenden Funktion des Gesetzes und von Identitätsmarkern wie Beschneidung, verbunden mit einer neuen Orientierung, die in Christus und in der Liebe Gestalt gewinnt.

Im Römerbrief erscheinen die Freiheitsaussagen konzentriert in Römer 6 bis 8 und werden grundsätzlicher entfaltet. Paulus beschreibt die Taufe als Sterben mit Christus und als Tod gegenüber der Sünde, woraus eine neue Lebensausrichtung folgt. Der Mensch steht immer in einer Bindung, entweder an Sünde und Tod oder an Christus und damit an Gerechtigkeit und Heiligung. Freiheit ist darum nicht Bindungslosigkeit, sondern Wechsel der Herrschaft. In Römer 7 wird der Zusammenhang Gesetz, Gebot, Begehren, Sünde und Tod als eine verstrickende Dynamik beschrieben, der der Mensch aus eigener Kraft nicht entkommt. Die Sünde erscheint als Macht, die das Gebot missbraucht und so gerade gegen den Willen des Menschen zur Übertretung und zum Tod führt. Befreiung geschieht nach Paulus durch Christus, ausgedrückt in Römer 8,2 in der Gegenüberstellung von Gesetz des Geistes des Lebens und Gesetz der Sünde und des Todes. Die Freiheit vom Gesetz führt zugleich in eine neue Bindung im Geist und in ein Fruchtbringen für Gott. Schließlich wird in Römer 8,21 die Freiheit eschatologisch und kosmisch geweitet, indem die ganze Schöpfung auf Befreiung von Vergänglichkeit hin zur Freiheit der Kinder Gottes ausgerichtet ist.

Abschließend bündelt Horn Paulus als Theologen der Freiheit. Kreuz und Auferstehung Christi werden als Befreiungsgeschehen verstanden, das Abhängigkeiten löst und innere Freiheit eröffnet, zugleich aber Freiheit durch soziale Verantwortung begrenzt. Freiheit wird in Gemeinden als potenziell emanzipatorisch wahrnehmbar, etwa in Fragen sozialer Unterschiede und überkommener Normen, bleibt jedoch stets an den Maßstab der Liebe und an die Bindung an Christus gebunden. Die Grundparadoxie bleibt leitend: Der von Christus Befreite ist in neuer Weise zugehörig, und gerade darin besteht die christliche Freiheit.

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