Der Artikel setzt bei der Diagnose an, dass in der Gegenwart nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Revolution der Arbeitswelt stattfindet. Unter Schlagworten wie Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 wird eine neue Phase der Digitalisierung beschrieben, die so tief in Kommunikation und Lebenswelt eingreift, dass sie als Zäsur vergleichbar mit früheren industriellen Revolutionen erscheint. Dabei wird oft übersehen, dass sich mit der Technik auch Organisationsformen und Haltungen zur Arbeit verändern. Ein Leitbild dieser Entwicklung ist Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Flexibilität, die sowohl von Arbeitgebern als auch von Arbeitnehmern positiv besetzt werden und auf den ersten Blick nach mehr Freiheit in der Arbeitswelt klingen. Kreutzer macht jedoch deutlich, dass diese Freiheitserfahrungen ambivalent sind: Flachere Hierarchien und mehr Eigenverantwortung können Freiräume eröffnen, zugleich aber Arbeitsdruck verdichten und Leid erzeugen. Der Beitrag will daher die Logik dieser neuen Arbeitsformen rekonstruieren, sie ethisch bilanzieren und anschließend christliche Impulse für eine Humanisierung skizzieren. Methodisch folgt er dabei dem Prinzip sehen urteilen handeln, das aus der kirchlichen Begegnung mit der Arbeitswelt stammt.
Im ersten Schritt wird die Logik neuer Arbeitsorganisationen beschrieben, kontrastiert mit dem tayloristischen Modell der Industriegesellschaft. Taylorismus meint eine stark reglementierte Arbeitsorganisation, die Arbeitsleistung durch genaue Anweisungen und zentralisierte Kontrollen rationalisiert. Die Beschäftigten stellen dabei im ökonomischen Sinn ihre Arbeitskraft zur Verfügung, während das Unternehmen die Verantwortung trägt, diese Arbeitskraft durch Organisation in Arbeitsleistung zu verwandeln. Im Verlauf der Arbeitsgesellschaft zeigt sich jedoch eine Grundtendenz, solche Fremdorganisation schrittweise zurückzunehmen. In Dienstleistungs und Informationsgesellschaften gewinnen selbstorganisierte Formen an Bedeutung, etwa Projektarbeit, Gruppenarbeit oder Telearbeit. Arbeitssoziologisch wird dafür das Leitbild des Arbeitskraftunternehmers geprägt. Die Beschäftigten werden dabei als Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft verstanden. Nicht mehr das Unternehmen organisiert die Transformation von Arbeitskraft in Arbeitsleistung, sondern diese Aufgabe wird in erweiterter Form den Arbeitenden zugewiesen. An die Stelle äußerer Anweisung und Kontrolle treten Selbststeuerung, Selbstkontrolle und teils Selbstvermarktung. Der zugespitzte Imperativ lautet sinngemäß: Macht, was ihr wollt, aber seid profitabel. Genau darin liegt die ethische Schlüsselfrage, ob selbstorganisierte Arbeit tatsächliche Autonomie und Selbstverwirklichung ermöglicht oder ob sie als Freiheit verkleidet die effektivere Ausnutzung der eigenen Leistungsfähigkeit erzwingt.
Im zweiten Schritt urteilt der Artikel über Risiken und Ambivalenzen. Als erste Gefahr beschreibt er enteignete Subjektivität. Die Subjektivierung der Arbeit nimmt zu, weil in selbstorganisierten Strukturen das persönliche Handeln und Entscheiden stärker gefordert ist. Gleichzeitig verschwinden äußere Kontrollen und damit auch eine Instanz, der gegenüber man Arbeitsanforderungen als von außen gesetzt markieren könnte. Anforderungen erscheinen aus Sicht der Beschäftigten als sachnotwendig und damit als eigene Einsicht. Dadurch übernimmt das Subjekt die Rolle, die früher der Arbeitgeber innehatte. Weil man gegen die eigenen sachlich begründeten Anforderungen schwer protestieren kann, wird Widerstand gegen Überlastung zu einem Widerstand gegen sich selbst. So kann die zunächst positive Selbstverantwortung in Selbstausbeutung umschlagen. Kreutzer beschreibt, wie Menschen aus Kenntnis der Zusammenhänge freiwillig Schutzrechte unterlaufen, etwa Arbeitszeitgrenzen, weil sie den Projektfortgang und die Folgen für Kunden und Team selbst verantworten. Das eigene Wissen wendet sich gegen einen selbst, und aus Selbstbeherrschung wird Arbeitsverdichtung, Hektik und Stress.
Als zweite Gefahr nennt der Artikel die Entgrenzung von Arbeit und Leben. Während in der Industriegesellschaft Beruf und Privatleben eher klar getrennt waren, unterläuft die neue Selbstorganisation diese Grenzen räumlich und zeitlich. Durch digitale Technik kann jeder Ort Arbeitsplatz werden und durch flexible Zeitmodelle jede Zeit Arbeitszeit. Damit wird die Grenzziehung zur individuellen Aufgabe und das ganze Leben droht zu einem Arrangement zu werden, das sich am Zentrum Erwerbsarbeit orientiert. Der Text kritisiert, dass dadurch Zweckrationalität, die in der Arbeit sinnvoll ist, auf das Leben als Ganzes übergreift. Räume zweckfreier Selbstbestimmung, wie sie Freizeit oder Erholung ausmachen, geraten unter Druck. Als Beispiel wird die Arbeit im Urlaub genannt, wenn Menschen erreichbar bleiben und Projekte kontrollieren. Damit zeigt sich, dass mehr Freiheit in der Organisation nicht automatisch mehr Freiheit im Leben bedeutet, sondern im Gegenteil den Druck erhöhen kann.
Im dritten Schritt entwickelt der Artikel christliche theologische und ethische Impulse zur Humanisierung. Zuerst plädiert er für die Stärkung eines Ethos der Autonomie, das Subjekt und Beruf in eine klare Zweck Mittel Ordnung bringt. Autonomie der Arbeitenden darf nicht bloß Mittel zur Effektivitätssteigerung sein. In Anschluss an Kant wird die Person als Selbstzweck betont. Diese Idee verbindet Kreutzer mit der christlichen Tradition, besonders mit der Schöpfungstheologie: Der Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen und damit als freies und verantwortliches Wesen. Der Auftrag zur Weltgestaltung darf nicht als Freibrief zum Raubbau missverstanden werden, sondern als Ausdruck gottgeschenkter Freiheit und Würde. In der katholischen Soziallehre wird dies unterstrichen, etwa in Laborem exercens, wo die Würde des arbeitenden Menschen Maßstab jeder Arbeit ist. Christliche Ethik kann damit in gesellschaftlichen Debatten dafür eintreten, dass echte Selbstbestimmung im Beruf als Kriterium menschenwürdiger Arbeit gilt.
Zweitens hebt der Artikel die Kultur der Muße hervor. Muße meint nicht bloß Nichtstun, sondern Tätigkeiten jenseits unmittelbarer Effektivitätszwänge, etwa Spiel, Sport, Kunst oder Ehrenamt. Theologisch wird sie aus der Sabbattradition der Schöpfung begründet, in der die Ruhe am siebten Tag zur Vollendung gehört. In der Sabbatruhe wird Welt nicht bearbeitet, sondern als Gottes Schöpfung bejaht. Diese Perspektive ermöglicht einen Kontrapunkt zur totalen Zweckrationalität. Gesellschaftlich sichtbar wird dies im arbeitsfreien Sonntag, der als objektive kulturelle Grenze das Einsickern der Erwerbsarbeit in alle Lebensbereiche begrenzt.
Am Ende bündelt Kreutzer die doppelte Aufgabe christlicher Ethik und Theologie der Arbeit: Sie soll auf der Autonomie der Arbeitenden bestehen und zugleich Freiheit vom Beruf stärken, indem sie Grenzen zwischen Arbeit und Leben schützt und zweckfreie Muße als Wert aufwertet. Selbstorganisierte Arbeit kann ein Freiheitsgewinn sein, wenn sie zu realer Selbst und Mitbestimmung führt und zugleich verlässliche Grenzziehungen ermöglicht. Sie wird jedoch pathologisch, wenn sie die ganze Lebensführung vereinnahmt und in Selbstausbeutung kippt.