Abdullah Takim entfaltet sein Thema vom ersten Offenbarungsereignis an. Als der Prophet Muhammad vierzig Jahre alt war, erhielt er in der Höhle Hira durch den Engel Gabriel die ersten Verse des Korans. Diese Berufung markiert den Beginn der koranischen Offenbarung, die sich über dreiundzwanzig Jahre erstreckte. Für Muslime ist der Koran das Wort Gottes in arabischer Sprache und besitzt absolute göttliche Autorität. Er bildet die Grundlage von Glauben, religiöser Praxis, Recht, Dogmatik und Ethik. Nicht der Prophet selbst steht im Zentrum des Islam, sondern der Koran als göttliche Rede.
Das islamische Offenbarungsverständnis beschreibt Offenbarung als wahy, als ein Einflüstern oder eine verborgene Mitteilung Gottes. Der Engel Gabriel übermittelt die göttliche Botschaft, indem er ihre Bedeutungen in arabische Sprache kleidet und sie dem Herzen Muhammads eingibt. Sowohl Wortlaut als auch Inhalt gelten als göttlich. Der Prophet hat keinen Anteil an der Formulierung. Während der Offenbarung erfährt er starke körperliche und seelische Erschütterungen. Neben der Vermittlung durch Gabriel kennt der Koran auch direkte Inspiration und Offenbarung hinter einem Vorhang, wie sie Mose am Sinai erlebt.
Ein zentrales Merkmal der koranischen Offenbarung ist ihr kommunikativer Charakter. Die einzelnen Verse werden als Zeichen bezeichnet. Gott spricht durch sprachliche Zeichen zu den Menschen. Zugleich fordert er sie auf, über diese Zeichen nachzudenken. Auch die Natur gilt als Zeichen Gottes. Zwischen Gott, Mensch, Koran und Schöpfung besteht eine wechselseitige Beziehung. Offenbarung ist daher keine starre Dogmatik, sondern Einladung zum Nachdenken und zur bewussten Annahme.
Der Koran versteht sich als Teil einer umfassenden Offenbarungsgeschichte. Alle Offenbarungsreligionen gehen auf das Mutterbuch bei Gott zurück. Dieses ewige Buch symbolisiert die absolute göttliche Rede. Jeder Prophet empfängt Teile dieser Offenbarung in der Sprache seines Volkes. Daher verkünden alle Propheten denselben Monotheismus. Auch Abraham wird als Urbild des reinen Glaubens dargestellt. Der Islam erscheint nicht als neue Religion, sondern als Wiederherstellung der ursprünglichen Gottesbeziehung des Menschen. Der Koran bestätigt Tora und Evangelium, betont jedoch zugleich seine eigene Autorität.
In literarischer Hinsicht unterscheidet sich der Koran von der Bibel. Er bietet keine fortlaufende Geschichtsdarstellung, sondern arbeitet mit Erinnerung und Ermahnung. Bekannte biblische Stoffe werden neu akzentuiert und in den Dienst der Rechtleitung gestellt. Der Koran ist damit ein vielschichtiges Buch, das frühere Offenbarungen aufgreift und zugleich neu deutet.
Der Begriff Koran bedeutet ursprünglich Rezitation. Die Buchform ist sekundär. Entscheidend ist der mündliche Vortrag. Die Rezitation ist ein spiritueller Akt, in dem Gläubige Gottes Rede unmittelbar erfahren. Damit verbunden ist die Lehre von der Unnachahmlichkeit des Korans. Stil, Sprache und Komposition gelten als göttlich und unübertrefflich. Die islamische Wissenschaft der Rezitation legt genaue Regeln für Aussprache und Melodie fest, damit die Schönheit des göttlichen Wortes angemessen zur Geltung kommt.
Im Alltag der Muslime spielt der Koran eine zentrale Rolle. Besonders im Monat Ramadan wird er vollständig rezitiert. Viele Muslime lernen ihn auswendig. Dem Koran wird eine Segenskraft zugeschrieben. Er begleitet das religiöse und persönliche Leben.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die Entwicklung der Koranexegese. Der Prophet selbst war der erste Ausleger. Nach seinem Tod übernahmen seine Gefährten diese Aufgabe. Später entstand eine systematische Wissenschaft der Auslegung. Die traditionelle Methode stützt sich auf überlieferte Aussagen des Propheten und seiner Gefährten. Daneben entwickelte sich eine vernunftorientierte Auslegung, die eigene Überlegungen einbezieht. Eine weitere Richtung ist die mystische Exegese, die innere und symbolische Bedeutungen erschließt.
In der Neuzeit stellte sich die Frage nach Reform und Erneuerung. Angesichts moderner Wissenschaft und gesellschaftlicher Herausforderungen suchten muslimische Theologen nach zeitgemäßen Interpretationen. Dabei gewann die Rückkehr zu den Quellen besondere Bedeutung. Der türkische Theologe Süleyman Ates steht exemplarisch für einen Ansatz, der die ursprüngliche Botschaft des Korans freilegen und sie auf heutige Lebensbedingungen anwenden möchte. Er warnt davor, moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse in den Koran hineinzulesen. Stattdessen sollen die grundlegenden Ziele des Korans herausgestellt werden, etwa der Glaube an Gott, die Verantwortung vor dem Jenseits, gute Taten, soziale Gerechtigkeit, Schutz von Eigentum, Friedensorientierung und die Sicherung von Glaubensfreiheit.
Takim zeigt insgesamt, dass der Koran im orthodoxen Islam als unmittelbares Wort Gottes verstanden wird, das zugleich rezitiert, ausgelegt und immer neu aktualisiert werden muss. Zwischen göttlicher Autorität und menschlicher Interpretation besteht eine bleibende Spannung. Die Herausforderung besteht darin, die ewige Botschaft des Korans so zu verstehen, dass sie auch in der Gegenwart Orientierung, Frieden und Gerechtigkeit ermöglicht.