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Eulenfisch

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Muslimische Gäste im kath. Religionsunterricht der gymnasialen Oberstufe?

Veröffentlichung:1.1.2012

Der Fachartikel „Muslimische Gäste im kath. Religionsunterricht der gymnasialen Oberstufe?“ von Thomas Menges ist im Heft ru-heute / Eulenfisch erschienen und umfasst ca. 4 Seiten (S. 54–57).

Der Artikel zeigt, wie muslimische Gäste im katholischen Religionsunterricht als didaktische Chance genutzt werden können. Ausgangspunkt ist das Prinzip der Perspektivenübernahme, durch das Lernende andere religiöse Innenperspektiven kennenlernen und dadurch ihren eigenen Glaubensstandpunkt reflektieren können. Der Beitrag behandelt zentrale theologische Probleme im christlich islamischen Dialog, insbesondere das unterschiedliche Verständnis von Jesus, von Gott (Trinität und Einheit Gottes) sowie von Offenbarung und heiliger Schrift (Bibel und Koran).

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Der Artikel beschreibt Möglichkeiten und Voraussetzungen eines gastfreundlichen katholischen Religionsunterrichts, in dem muslimische Gäste aktiv einbezogen werden. Ausgangspunkt ist eine Unterrichtssituation aus dem Politikunterricht, in der eine muslimische Lernende erklärt, dass sie den Koran eigentlich nicht mit bloßen Händen berühren dürfe. Diese Situation zeigt, dass religiöse Perspektiven im Unterricht Lernchancen eröffnen können. Während im Politikunterricht vor allem eine religionskundliche Außenperspektive eingenommen wird, könnte im Religionsunterricht die Binnenperspektive gläubiger Menschen stärker berücksichtigt werden.

Der Autor verbindet diese Überlegung mit dem didaktischen Prinzip der Perspektivenübernahme. Unterricht wird als ein Raum verstanden, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und Lernende voneinander lernen können. Im konfessionellen Religionsunterricht kommt dabei besonders die Innenperspektive des gelebten Glaubens zur Sprache. Neben der Perspektive von Kirche und Theologie und der Lebensweltperspektive der Lernenden werden auch die Perspektiven anderer Religionen, der Wissenschaften sowie von Kultur und Medien einbezogen.

Die Aufnahme fremder Perspektiven dient nicht der Relativierung des eigenen Glaubens, sondern seiner Vertiefung und Differenzierung. Lernende sollen bereit sein, andere Sichtweisen ernst zu nehmen und sich zumindest ansatzweise in andere religiöse Lebensformen einzufühlen. Besonders muslimische Gäste benötigen dabei die Bereitschaft, ihre Überzeugungen in einem anders religiös geprägten Kontext zu vertreten.

Ein wichtiger didaktischer Ansatz ist die Differenzpädagogik. Angesichts religiöser Vielfalt darf Religionsunterricht nicht auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert werden. Unterschiede zwischen Religionen sollen bewusst wahrgenommen und als Lernanlass genutzt werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Lernende ihre eigene religiöse Tradition zumindest in Grundzügen kennen. Nur wer die eigene Religion kennt, kann Unterschiede zu anderen Religionen erkennen und reflektieren.

Der Religionsunterricht bewegt sich dabei zwischen zwei Extremen. Einerseits soll er sich von fundamentalistischen Wahrheitsansprüchen distanzieren, andererseits auch von einer vollständigen Relativierung religiöser Wahrheit. Wahrheit wird nicht als Besitz verstanden, sondern als Anspruch, dem sich alle Beteiligten im Unterricht stellen müssen. In diesem Dialog können neue Einsichten entstehen, die das Verständnis des eigenen Glaubens vertiefen. Auf diese Weise kann Religionsunterricht auch einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft leisten.

Anhand einer konkreten Unterrichtssituation zeigt der Autor, dass spontane Beiträge von Lernenden zu anspruchsvollen Lernanlässen werden können. Solche Situationen fördern zentrale Kompetenzen wie Wahrnehmungsfähigkeit, Deutungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit, Dialogfähigkeit und Gestaltungsfähigkeit.

Für die Unterrichtspraxis schlägt der Autor mehrere thematische Zugänge vor, die besonders in der gymnasialen Oberstufe geeignet sind.

Ein erster Themenbereich ist die Bedeutung Jesu im Islam und im Christentum. Viele Lernende sind überrascht, dass Jesus auch im Koran eine wichtige Rolle spielt. Er wird als Prophet und Gesandter Gottes verstanden, der Wunder wirkt und von der Jungfrau Maria geboren wird. Dennoch unterscheidet sich das islamische Verständnis deutlich vom christlichen Glauben. Jesus ist im Islam nicht der Sohn Gottes und nicht am Kreuz gestorben. Stattdessen wird er als menschlicher Prophet verstanden, den Gott zu sich erhoben hat. Diese Unterschiede werden im Unterricht durch eine Gegenüberstellung der Aussagen des Korans und des christlichen Glaubensbekenntnisses sichtbar gemacht.

Ein zweiter Themenbereich betrifft das Gottesverständnis. Sowohl Christentum als auch Islam sind monotheistische Religionen und glauben an den einen Gott. Der Islam betont jedoch besonders stark die absolute Einheit und Transzendenz Gottes. Jede Form einer Teilhabe an Gottes Wesen wird abgelehnt. Deshalb versteht der Koran die christliche Trinitätslehre häufig als eine Art Drei Götter Glaube. Aus christlicher Sicht ist dies ein Missverständnis. Die christliche Lehre beschreibt Gott als Beziehung von Vater, Sohn und Geist. Durch die Beschäftigung mit diesen unterschiedlichen Gottesvorstellungen lernen die Lernenden, ihre eigene religiöse Tradition besser zu verstehen und auf Kritik reagieren zu können.

Ein dritter Themenbereich ist das unterschiedliche Verständnis von Offenbarung. Im Christentum hat Gott sich in der Person Jesu Christi offenbart. Die Inkarnation bedeutet, dass Gott selbst Mensch geworden ist. Die Bibel ist daher Zeugnis dieser Offenbarung und enthält Gottes Wort in menschlichen Worten. Im Islam hingegen steht der Koran im Zentrum. Er gilt als direkte Offenbarung Gottes und als irdische Erscheinung eines himmlischen Buches. Diese Vorstellung wird als Inlibration bezeichnet. Dadurch entsteht eine grundlegende Differenz zwischen beiden Religionen. Im Christentum steht eine Person im Mittelpunkt des Glaubens, im Islam ein Buch.

Diese Unterschiede erklären auch verschiedene religiöse Praktiken. Muslime begegnen dem Koran mit besonderem Respekt, während Christen die Bibel historisch kritisch auslegen. Ebenso lässt sich das unterschiedliche Verhältnis zu Bildern religiös begründen. Während im Christentum Darstellungen Gottes oder Jesu möglich sind, hat der Islam das Bilderverbot übernommen und stattdessen kalligraphische und ornamentale Kunstformen entwickelt.

Am Ende weist der Autor darauf hin, dass die Behandlung solcher theologischen Unterschiede Lernenden hilft, aktuelle gesellschaftliche Konflikte besser zu verstehen, etwa Debatten über Mohammed Karikaturen oder religiöse Darstellungen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch eine Grenze der religiösen Gastfreundschaft. Wenn im Religionsunterricht religiöse Praxis wie das Kreuzzeichen oder das Kreuz im Klassenraum vorkommt, können Spannungen entstehen. Ein konfessioneller Religionsunterricht kann jedoch nicht vollständig auf seine eigenen religiösen Zeichen verzichten.

Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass ein gastfreundlicher Religionsunterricht mit muslimischen Gästen möglich und sinnvoll ist, solange die religiösen Unterschiede ernst genommen werden und als Lernchancen genutzt werden.

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