RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Eulenfisch

Eulenfisch

Im Moment

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Im Moment“ enthalten. Der vorliegende Text hat einen Umfang von ca. 2 Seiten. Der Artikel erläutert, wie der Buddhismus Zeit versteht: nicht als linearen Ablauf, sondern als ein Geschehen wechselseitiger Abhängigkeit, in dem Sein und Zeit untrennbar zusammengehören. Theologisch beziehungsweise religionsphilosophisch behandelt der Fachartikel vor allem die Probleme von Vergänglichkeit und Leiden, von Zeit und Sein, von Abhängigkeit und Leerheit sowie von Erleuchtung, Nirvana und der Überwindung des Anhaftens.

restricted content

Nach Registrierung auf www.eulenfischplus.de erhält man kostenlosen Zugriff auf die Inhalte.

Products

Der Artikel entfaltet das buddhistische Verständnis von Zeit ausgehend vom gegenwärtigen Moment. Schon der Einstieg macht deutlich, dass der Moment nicht einfach ein festes Etwas ist, sondern nur in Beziehung zu anderem existiert. Der Augenblick des Lesens ist nur da, weil jemand liest, weil ein Text vorliegt und weil verschiedene Bedingungen zusammenkommen. Daraus entwickelt der Text einen Grundgedanken buddhistischen Denkens: Alles entsteht in gegenseitiger Abhängigkeit. Nichts existiert aus sich selbst heraus, nichts besitzt ein unabhängiges, festes Wesen. Das gilt auch für die Zeit. Zeit gibt es nur in Abhängigkeit vom Sein, und Sein gibt es nur in Abhängigkeit von der Zeit.

Von hier aus beschreibt der Artikel das buddhistische Denken als zyklisch. Zeit verläuft nicht einfach geradlinig von einem Anfang zu einem Ende, sondern in Kreisläufen. Alles entsteht und vergeht fortwährend. Das gilt für einzelne Dinge ebenso wie für ganze Welten. Diese Vorstellung hat der Buddhismus aus indischen Traditionen übernommen. Innerhalb dieser zyklischen Struktur steht auch das menschliche Leben. Der Mensch lebt im Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt und hat zugleich die Möglichkeit, diesen Kreislauf zu durchbrechen und Befreiung zu erlangen.

Der Artikel betont zugleich, dass der Buddhismus spekulative Fragen nach dem Wesen der Zeit nicht in den Mittelpunkt stellt. Entscheidend ist nicht abstraktes Grübeln, sondern die Frage, wie Leiden überwunden werden kann. Deshalb verweist der Text auf eine Überlieferung vom historischen Buddha. Als ein Mönch ihn nach letzten Fragen über Welt, Seele und Ewigkeit fragt, antwortet der Buddha mit dem Gleichnis vom Pfeilverletzten. Wer von einem vergifteten Pfeil getroffen ist, soll zuerst den Pfeil entfernen und nicht über Nebensachen spekulieren. Genauso soll der Mensch erkennen, was Leiden ist, wie es entsteht, wie es aufhört und welcher Weg aus dem Leiden herausführt.

An diesem Punkt verbindet der Artikel das Zeitthema mit den vier edlen Wahrheiten. Alles, was vergänglich ist, kann zum Leiden führen, wenn der Mensch daran festhält. Nicht die Vergänglichkeit selbst ist das eigentliche Problem, sondern das Anhaften an dem, was vergeht. Darum besteht der buddhistische Weg nicht darin, Dauer zu sichern, sondern darin, das Bedürfnis nach Festhalten zu überwinden. Der Mensch soll sich dem Werden und Vergehen nicht widersetzen, sondern lernen, es bewusst wahrzunehmen und loszulassen. Meditation und Bewusstseinsschulung sind daher zentrale Wege buddhistischer Praxis.

Ein besonderer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der Philosophie Nagarjunas. Er versteht Wirklichkeit als ein Netz von Erscheinungen, die alle voneinander abhängen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht strikt voneinander getrennt, sondern bedingen einander gegenseitig. Zeit ist daher nicht einfach eine Linie oder ein neutrales Maß für Veränderungen. Vielmehr wird der gegenwärtige Augenblick zu einem Ort vollkommener Wachheit, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchdringen. Der Artikel erklärt dies alltagsnah: Vergangene Erfahrungen prägen die Gegenwart, und neue Erfahrungen verändern wiederum den Blick auf das Vergangene. So hängen alle Zeiten miteinander zusammen.

Diese Sichtweise führt zur buddhistischen Lehre von der Leerheit. Leerheit bedeutet nicht, dass nichts existiert, sondern dass nichts aus sich selbst heraus und unabhängig von anderem existiert. Alles ist leer von festem Eigenwesen. Auch der Moment ist leer, weil er nur in Beziehung zu anderem besteht. Ebenso ist das Ich nicht etwas Festes und Unabhängiges, sondern ein Vollzug, ein Geschehen, das aus vielen Bedingungen hervorgeht. Zeit ist deshalb nicht ein starres Ding, sondern Vollzug. Sie geschieht im jeweiligen Augenblick.

Der Artikel verbindet diese Gedanken mit dem Begriff des Nirvana. Nirvana ist kein Ort, den man irgendwann erreicht, sondern der Zustand des Erwachens, in dem die Leerheit und die Nichtfestigkeit aller Dinge erkannt werden. In dieser Perspektive werden sowohl die Vielfalt der Dinge als auch die gewöhnliche Auffassung von Zeit überschritten. Wer nicht mehr an Vergänglichem haftet, durchbricht den Kreislauf des Leidens.

Zum Schluss greift der Text die Überlegungen des japanischen Zen Meisters Dogen auf. In seinem Begriff der Sein Zeit werden Sein und Zeit als untrennbare Einheit gedacht. Dogen fragt, warum geistliche Übung nötig ist, wenn doch alle Wesen schon erleuchtet sind. Seine Antwort ist praktisch ausgerichtet. Es geht nicht um abstrakte Theorie, sondern um die Verwirklichung buddhistischer Einsicht im Alltag. Der Alltag selbst ist der Ort der Übung. Gerade im konkreten Vollzug des Lebens, im gegenwärtigen Augenblick, verwirklicht sich der Weg. So zeigt der Artikel insgesamt, dass buddhistisches Zeitverständnis eng mit der Frage nach Leiden, Bewusstsein, Vergänglichkeit und Befreiung verbunden ist.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 11/1 Was ist der Mensch?

11.1 / 2. Der Mensch und seine Mitmenschen.

11.1 / 3. Der Mensch und seine Verantwortung.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.