Der Artikel setzt beim Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils an, die Zeichen der Zeit zu erforschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Thomas Ruster zeigt, dass die ältere christliche Tradition dafür lange Zeit das Motiv des Antichristen verwendet hat. Dieses diente dazu, geschichtliche Situationen daraufhin zu befragen, was der Sache Jesu Christi dient und was ihr entgegensteht. Die Rede vom Antichristen war deshalb ein Instrument christlicher Zeitdiagnose. Der Autor erinnert daran, dass diese Denkfigur in verschiedenen Epochen eine wichtige Rolle spielte, etwa im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Das Konzil habe diese Tradition jedoch nicht weitergeführt, weil es auf Versöhnung, Ökumene und einen positiven Blick auf nicht christliche Religionen und gesellschaftliche Entwicklungen setzte.
Ruster macht aber deutlich, dass damit die Grundfrage nicht erledigt ist. Auch heute müsse unterschieden werden, was christlich und was antichristlich wirkt. Er nennt dafür Beispiele aus Kirche und Gesellschaft. Wenn kirchliche Amtsträger junge Menschen sexuell missbrauchen oder wenn kirchliche Verantwortungsträger durch Prunk und Machtgehabe der Glaubwürdigkeit des Evangeliums schaden, dann wirken sie der Sache Christi entgegen. Ebenso sieht der Autor in ungerechten wirtschaftlichen Strukturen eine Macht, die dem Reich Gottes widerspricht. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Papst Franziskus, der die herrschende Wirtschaft scharf kritisiert, auch wenn er den Begriff Antichrist nicht ausdrücklich benutzt. Der Artikel plädiert deshalb dafür, die Kategorie des Antichristen nicht einfach aufzugeben, sondern kritisch und reflektiert weiterzudenken.
Zugleich warnt der Autor vor den Gefahren dieser Tradition. Die Geschichte der Antichrist Deutung ist voller Irrtümer, polemischer Verzerrungen und gewaltsamer Zuspitzungen. Immer wieder wurden politische Gegner, andere Konfessionen oder religiöse Gruppen vorschnell als antichristlich bezeichnet. Solche Zuschreibungen konnten selbst antichristlich werden, weil sie Hass, Fanatismus und Gewalt förderten. Darum ist für den Autor klar, dass man die Kategorie heute nur noch mit großer historischer Sensibilität verwenden darf. Dennoch hält er daran fest, dass Christen auf eine eigene Weise Geschichte deuten müssen und dass das Motiv des Antichristen dafür eine bleibende Herausforderung darstellt.
Im nächsten Schritt geht der Artikel auf die biblische Grundlage ein. Ruster zeigt, dass der Begriff Antichrist ausdrücklich nur in den Johannesbriefen vorkommt. Dort bezeichnet er zunächst Irrlehrer, die Jesus nicht als den Christus bekennen und seine Einheit mit dem Vater leugnen. Entscheidend ist dabei, dass in Jesus von Nazareth Gott selbst begegnet ist. Wer dies leugnet, verliert nach der Sicht des Briefes den Zugang zu Gott. Der Antichrist ist deshalb nicht zuerst irgendein politischer Bösewicht, sondern eine Gestalt der Verführung im Bereich des Glaubens. Zugleich betont der Autor, dass der rechte Glaube nicht nur in Worten besteht. Er verweist auf die enge Verbindung von Bekenntnis und Praxis. Wer Christus durch sein Handeln verleugnet, handelt antichristlich. Damit wird die Kategorie des Antichristen auf konkrete Lebenspraxis bezogen.
Von hier aus schlägt Ruster die Brücke zur weiteren Tradition. Im Lauf der Kirchengeschichte wurde der Antichrist nicht nur als Irrlehrer, sondern immer stärker als geschichtliche und politische Gestalt verstanden. Dazu wurden auch andere biblische Texte herangezogen, etwa Aussagen über falsche Christusse, den Menschen der Gesetzlosigkeit und die Tiere der Offenbarung des Johannes. So entstand eine apokalyptische Geschichtsdeutung, die immer wieder versuchte, den Antichristen in konkreten historischen Personen oder Systemen zu erkennen. Diese Historisierung kann nach Ruster nicht einfach als bloße Phantasie abgetan werden. Vielmehr verweist sie auf das Bedürfnis, das Böse in der Geschichte ernst zu nehmen und die Geschichte vom Ende her zu deuten.
Eine wichtige theologische Erklärung findet der Autor bei Joseph Ratzinger. Danach ist der Antichrist als geschichtliche Figur deshalb denkbar, weil die christliche Existenz von einer eschatologischen Spannung geprägt ist. Die Erlösung ist in Christus schon geschehen, aber ihre volle Durchsetzung steht noch aus. Zwischen diesem Schon und dem Noch nicht verläuft die Geschichte. In dieser offenen Geschichte stellt sich immer neu die Frage, welche Mächte dem Reich Gottes dienen und welche ihm widerstehen. Der Antichrist zeigt an, dass die Erlösung geschichtlich noch nicht vollendet ist. Darum ist er vor allem eine politische und weltgeschichtliche Gestalt. Der Glaube hält zugleich daran fest, dass am Ende Gottes Sieg über das Böse steht. Gerade diese Hoffnung erlaubt es, das Böse nüchtern wahrzunehmen und ihm nicht auszuweichen.
Im weiteren Verlauf entfaltet Ruster die Denkform des Antichristen als Form christlicher Geschichtsdeutung. Sie nimmt die Geschichte von ihrer Vollendung her in den Blick, ohne die Macht des Bösen zu verharmlosen und ohne in einen Dualismus zu verfallen. Der Antichrist ist dabei keine eindeutig festlegbare Figur. Er kann schon da sein oder noch kommen, er kann in Personen, Institutionen, Denkweisen oder Praktiken sichtbar werden. Er kann offen zerstörerisch auftreten oder sich als scheinbares Licht ausgeben. Gerade diese Uneindeutigkeit macht die Denkfigur für den Autor produktiv. Sie erinnert daran, dass alle geschichtlichen Ordnungen kontingent sind und kritisch geprüft werden müssen. Nichts Innerweltliches darf mit der Vollendung verwechselt werden. Wo Menschen oder Systeme behaupten, das Heil endgültig in der Geschichte verwirklichen zu können, zeigt sich für Ruster ein antichristlicher Zug.
Am Ende kommt der Artikel zu dem Ergebnis, dass die Figur des Antichristen eine bleibende theologische Funktion besitzt. Sie hilft, die Zeichen der Zeit aufmerksam zu lesen, das Böse in Kirche und Gesellschaft zu benennen und zugleich die Hoffnung auf Gottes endgültige Vollendung wachzuhalten. Das Motiv darf nicht unkritisch und nicht aggressiv verwendet werden, aber es eröffnet Christen eine eigenständige Perspektive auf Geschichte. Gerade in einer Zeit konkurrierender Deutungen braucht es nach Ruster eine Theologie, die Hoffnung und Kritik miteinander verbindet und den Mut hat, konkrete Gegenwartsphänomene im Licht des Evangeliums zu beurteilen.