Thomas Ruster beschreibt zu Beginn eine gesellschaftliche Spaltung zwischen fremdenfreundlichen und fremdenfeindlichen Haltungen. Er zeigt, dass sich diese Gegensätze heute deutlich in öffentlichen Debatten und sozialen Netzwerken spiegeln. Christen ordnen sich oft der fremdenfreundlichen Seite zu, weil biblische Texte zur Aufnahme von Fremden auffordern. Der Autor macht jedoch deutlich, dass die Bibel über ein einfaches Lagerdenken hinausgeht. Sie fordert nicht nur Freundlichkeit gegenüber Fremden, sondern eine tiefere Perspektivübernahme. Menschen sollen verstehen, dass auch die biblischen Glaubenden selbst Fremde sind und dass christliche Existenz grundsätzlich von Heimatlosigkeit und Unterwegssein geprägt ist.
Anschließend deutet Ruster die Figur des Stephanus. Dessen Rede in der Apostelgeschichte versteht er als radikale Erinnerung daran, dass Israel in seiner Geschichte nie einfach in gesicherter Heimat gelebt hat. Abraham war ein Fremder. Das Volk Israel lebte als Fremdes in Ägypten. Auch Gott ist nicht an einen festen Ort gebunden. Der Tempel ist deshalb kein Besitz, durch den Menschen über Gott verfügen könnten. Stephanus stellt damit die religiöse Selbstsicherheit seiner Zuhörer in Frage. Sein Martyrium zeigt für den Autor, wie provokant die biblische Botschaft ist, dass Menschen letztlich nicht in weltlicher Heimat aufgehen dürfen. Daraus entwickelt Ruster die These, dass Christen Fremde lieben sollen, nicht nur als Gegenstand von Fürsorge, sondern aus der Gemeinsamkeit des eigenen Fremdseins heraus.
Im nächsten Teil befasst sich der Artikel mit dem Unterschied zwischen Integration und Inklusion. Integration bedeutet für Ruster Eingliederung in ein bestehendes gesellschaftliches System. Dabei müssen sich Menschen an vorgegebene Normen anpassen. Dieses Modell wird kritisiert, weil es Verschiedenheit zu wenig respektiert. Inklusion setzt demgegenüber bei der Unterschiedlichkeit der Menschen an und will diese erhalten. Im pädagogischen Bereich bedeutet das, dass Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen und individuell gefördert werden sollen. Der Autor weist aber darauf hin, dass auch das Inklusionsmodell Probleme hat. Es bleibt fraglich, ob wirklich alle Menschen vollständig einbezogen werden können. Zudem entstehe leicht ein moralischer Anspruch auf Vollinklusion, der reale Grenzen übersieht.
Zur Vertiefung greift Ruster die Systemtheorie von Niklas Luhmann auf. Er erklärt, dass Gesellschaft immer auch durch Unterscheidungen und damit durch Formen von Einbeziehung und Ausschluss geprägt ist. Kein System kann alles aufnehmen. Deshalb ist eine vollständige Inklusion aller Menschen nach dieser Sichtweise nicht erreichbar. Dennoch bleibt die Frage entscheidend, wie eine Gesellschaft mit denjenigen umgeht, die an ihren Rändern stehen oder ausgeschlossen werden. Hier setzt für den Autor die biblische Perspektive ein.
Der zentrale theologische Gedanke des Artikels ist die Sicht vom Himmel her. Der Himmel steht für eine Perspektive, die die gegensätzlichen Lager übergreift, ohne ihre Unterschiede einfach aufzulösen. Gott und Christus stehen nicht nur auf einer Seite der gesellschaftlichen Unterscheidungen. Im Gleichnis vom Weltgericht begegnet Christus in den Fremden. Darum ist die Begegnung mit ihnen immer auch eine Begegnung mit Christus. Christen können sich deshalb schon jetzt auf die Seite der Ausgeschlossenen stellen, weil sie im Glauben wissen, dass ihre eigentliche Heimat nicht auf Erden liegt. Die Liebe zu Fremden ist für Ruster daher nicht nur eine ethische Pflicht, sondern Ausdruck des Glaubens und der Hoffnung.
Am Ende weitet der Autor seinen Blick auf die Zukunft der Gesellschaft. Er rechnet damit, dass die Zahl der Flüchtlinge steigen wird und dass gesellschaftliche Spaltungen zunehmen können. Gefährlich sei sowohl die Spaltung zwischen Einheimischen und Ausländern als auch die Spaltung zwischen fremdenfreundlichen und fremdenfeindlichen Menschen. Der christliche Blick könne helfen, diese Gegensätze zu überwinden, weil er eine Perspektive jenseits der Lager eröffnet. Daraus folgt nicht, dass Fragen der Integration bedeutungslos werden. Vielmehr sollen Christen aus Solidarität mit den Fremden handeln und zum Wohl der gemeinsamen Gesellschaft beitragen. Fremde hören nach Ruster dort auf, fremd zu sein, wo Einheimische ihr Fremdsein mit ihnen teilen.