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Eulenfisch

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(Be-)Ruft Gott Menschen?

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel „(Be-)Ruft Gott Menschen?“ von Ursula Schumacher ist im Religionspädagogik-Heft ru-heute erschienen und umfasst etwa 5 Seiten. Der Beitrag diskutiert, ob das christliche Konzept der göttlichen Berufung von Menschen im 21. Jahrhundert noch plausibel ist. Dabei setzt sich der Artikel mit drei zentralen theologischen Einwänden auseinander: der Kritik am elitär verstandenen Berufungsbegriff, der Frage nach der Überprüfbarkeit eines göttlichen Rufes und dem möglichen Widerspruch zwischen göttlicher Berufung und menschlicher Freiheit. Der Artikel argumentiert, dass Berufung nicht nur für geistliche Berufe gilt, sondern als individuelle Lebensgestaltung jedes Menschen verstanden werden kann.

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Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, ob die Vorstellung einer Berufung durch Gott heute noch sinnvoll vertreten werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das Berufungskonzept in der Gegenwart häufig kritisiert wird. Dennoch gehört die Überzeugung, dass Gott Menschen ruft, zu den zentralen Grundannahmen der jüdisch christlichen Tradition. Die Autorin versucht daher, das Konzept der Berufung zu vertiefen, indem sie drei zentrale Einwände untersucht und beantwortet.

Der erste Einwand lautet, dass die Rede von Berufung elitär sei, weil sie traditionell hauptsächlich auf Priester und Ordensleute bezogen wurde. Tatsächlich war die katholische Theologie lange Zeit stark auf geistliche Berufe ausgerichtet. Die Autorin betont jedoch, dass besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein erweitertes Verständnis von Berufung entwickelt wurde. Danach sind nicht nur Geistliche zur Nachfolge Christi berufen, sondern alle Menschen. Berufung bedeutet daher nicht in erster Linie den Eintritt in einen geistlichen Stand, sondern das Wahrnehmen und Befolgen eines persönlichen Rufes Gottes im eigenen Leben. Jeder Mensch hat demnach eine individuelle Form der Orientierung an Jesus Christus zu verwirklichen.

Zur Veranschaulichung verweist die Autorin auf einen Gedanken von Romano Guardini. Er beschreibt, dass jedem Menschen bei seiner Geburt gewissermaßen ein Wort mitgegeben wird, das seinem Leben Richtung gibt. Dieses Wort steht für den Auftrag und die Verheißung Gottes im Leben eines Menschen. Berufung ist deshalb kein einmaliger Moment oder eine einzelne Entscheidung, sondern ein lebenslanger Prozess. Auch Menschen, die keine spektakulären Entscheidungen treffen, können ihre Berufung verwirklichen. Berufung kann sich in vielen kleinen Schritten zeigen und auch in unscheinbaren Formen der Nachfolge Christi bestehen. Heiligkeit kann daher auch im alltäglichen Handeln entstehen, wenn Menschen das tun, was im jeweiligen Moment dem Willen Gottes entspricht.

Der zweite Einwand betrifft die Überprüfbarkeit einer Berufung. Kritiker behaupten, dass eine behauptete Berufung nicht objektiv geprüft werden könne und deshalb leicht zu Selbsttäuschung oder Machtmissbrauch führen könne. Die Autorin räumt ein, dass ein Ruf Gottes nicht empirisch nachweisbar ist. Dennoch existieren in der christlichen Spiritualität Traditionen und Methoden, um Berufung zu prüfen. Besonders in der ignatianischen Spiritualität wird intensiv darüber reflektiert, wie Menschen den Willen Gottes erkennen können. Ein zentrales Element dabei ist eine Haltung der Demut und der kritischen Selbstprüfung. Eine echte Berufungssuche schließt daher die Bereitschaft ein, eigene Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen. Missbrauch des Berufungsbegriffs ist zwar möglich, aber er widerlegt das Konzept der Berufung nicht. Vielmehr zeigt er, dass das Konzept falsch angewendet wird.

Der dritte Einwand richtet sich gegen die Vereinbarkeit von Berufung und menschlicher Freiheit. Kritiker argumentieren, dass ein göttlicher Ruf den Menschen unfrei mache, weil er einem göttlichen Auftrag folgen müsse. Die Autorin widerspricht dieser Annahme. In der theologischen Tradition wurde intensiv über das Verhältnis von Gnade und Freiheit diskutiert. Während Augustinus betonte, dass die Gnade den Menschen überwältigt, betonten andere Theologen besonders in der jesuitischen Tradition die Freiheit des Menschen. Danach bleibt der Mensch frei, auch ein Nein zu Gottes Angebot zu sagen. Gott zwingt niemanden zur Nachfolge.

Berufung bedeutet daher nicht Fremdbestimmung, sondern eine persönliche Form der Lebensgestaltung. Gott ruft Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten, Erfahrungen und Grenzen. Die Orientierung am Vorbild Jesu Christi soll dabei nicht als Einschränkung verstanden werden, sondern als Weg zur Entfaltung des wahren Menschseins. Theologen wie Karl Rahner sehen in Christus das vollkommene Beispiel menschlicher Existenz. Wer sich an ihm orientiert, entfremdet sich daher nicht von sich selbst, sondern verwirklicht seine tiefsten Möglichkeiten.

Außerdem weist die Autorin darauf hin, dass Berufung nicht nur eine Forderung Gottes ist. Sie ist vor allem Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen. Der Ruf Gottes entsteht aus der Zuwendung Gottes und aus seinem Wunsch nach Beziehung zum Menschen. Die Antwort auf diesen Ruf ist daher eine freiwillige Antwort auf erfahrene Liebe.

Schließlich beschreibt der Artikel noch einen tieferen Begriff von Freiheit. Wahre Freiheit besteht nicht nur darin, zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen zu können. Sie entsteht vielmehr dort, wo Menschen ihr Leben im Einklang mit dem Willen Gottes führen. Beispiele aus der Geschichte wie christliche Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus zeigen, dass Menschen selbst unter äußerer Unfreiheit eine innere Freiheit erfahren können, wenn sie ihrem Gewissen und ihrem Glauben folgen.

Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass das Konzept der Berufung trotz moderner Kritik weiterhin eine wichtige Rolle in der christlichen Tradition spielt. Berufung verweist auf einen Gott, der den Menschen persönlich anspricht und sein Leben begleiten möchte. Deshalb sollte das Berufungskonzept nicht aufgegeben, sondern weiter reflektiert und neu erschlossen werden.

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