Der Artikel widmet sich dem gesellschaftlichen Phänomen der Sunday assemblies, also sonntäglichen Versammlungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters, die gemeinsam das Leben feiern wollen, jedoch ausdrücklich ohne Gottesbezug. Der Beitrag versteht sich in erster Linie als deskriptive Annäherung und entfaltet das Thema in vier Schritten: die Gründer und Entstehung, die Motive, das Selbstverständnis sowie eine erste theologische Einordnung.
Ausgangspunkt der Bewegung sind die beiden englischen Stand up Comedians Sanderson Jones und Pippa Evans. Die erste Sunday assembly fand am 6 Januar 2013 in London statt, ausgerechnet am Fest der Erscheinung des Herrn, und zwar in einer profanierten Kirche. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich ein großes Interesse, sodass sich die Bewegung rasch in Großbritannien und darüber hinaus ausbreitete. Innerhalb weniger Jahre entstanden zahlreiche Gruppen in mehreren Ländern, darunter auch in Deutschland in Berlin und Hamburg. Neugründungen müssen ein Akkreditierungsverfahren durchlaufen, damit grundlegende inhaltliche Prinzipien gewahrt bleiben.
Der Erfolg der Bewegung erklärt sich zum einen durch die Nutzung sozialer Netzwerke, zum anderen aber durch ein gesellschaftliches Bedürfnis. In England bezeichnen sich viele Menschen als nicht religiös, dennoch endet mit dem Abschied von den Kirchen offenbar nicht die Suche nach Sinn, Gemeinschaft und Spiritualität. Hinzu kommt die Erfahrung von Anonymität und Vereinzelung besonders in Großstädten. Die Sunday assemblies reagieren auf dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft, Sinn und Austausch.
Viele Teilnehmer berichten von Enttäuschungen gegenüber Kirchen. Sie nennen Erfahrungen des Alleingelassen Seins in Krisen, moralische Verurteilung alternativer Lebensentwürfe oder eine als fremd empfundene liturgische Sprache. Der Artikel weist darauf hin, dass diese Kritik nicht vorschnell abgewehrt werden dürfe. Offenbar gelingt es kirchlichen Gemeinden nicht immer, die Botschaft des Evangeliums in die konkreten Lebenssituationen heutiger Menschen hinein zu übersetzen. Das biblische Bild der Emmausjünger wird als Kontrast herangezogen: Dort nimmt Christus die Erfahrungen der Menschen ernst, deutet sie neu und entzündet Hoffnung.
Das Selbstverständnis der Sunday assemblies wird mit dem Satz beschrieben, man wolle etwas wie Kirche tun, aber ohne Gott. Ihr Credo lautet sinngemäß, dass man eine gottlose Versammlung sei, die besser leben, einander helfen und über das Wunder des Lebens staunen wolle. Ziel ist es, Menschen zu helfen, die beste Version ihrer selbst zu werden. Das Leben wird als kurz, brillant und zugleich schwierig beschrieben, weshalb Gemeinschaft notwendig sei, um es möglichst erfüllend zu gestalten.
Inhaltlich gibt es eine gemeinsame Charta, die unter anderem Offenheit, Humanismus, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft betont. Die konkrete Feierform ähnelt einem Gottesdienst: Es gibt gemeinsames Singen, Zeiten der Stille, Lesungen, Ansprachen und eine Kollekte für soziale Projekte. Die Themen orientieren sich an grundlegenden menschlichen Erfahrungen wie Tod, Leid, Hoffnung oder Glück. Als Texte dienen philosophische, literarische oder naturwissenschaftliche Quellen, nicht jedoch religiöse Offenbarungszeugnisse. Ziel ist es, die Teilnehmenden zu stärken, zu ermutigen und neu zu beleben.
Theologisch wirft dieses Phänomen grundlegende Fragen auf. Einerseits zeigt sich ein starkes Bedürfnis nach Ritual, Gemeinschaft, Sinn und Transzendenzerfahrung, auch ohne expliziten Gottesbezug. Andererseits steht die zentrale Differenz darin, dass nicht Gott, sondern das Leben selbst gefeiert wird. Damit verschiebt sich der Mittelpunkt vom Schöpfer zum Geschöpf. Die Sunday assemblies greifen Formelemente christlicher Liturgie auf, entkoppeln sie jedoch vom Glauben an Gott. Für die Theologie ergibt sich daraus die Herausforderung, neu zu reflektieren, wie der Sonntag als Herrentag verstanden und gestaltet werden kann, sodass er existentiell anschlussfähig bleibt.
Insgesamt versteht der Artikel die Sunday assemblies als ernstzunehmendes Zeichen der Zeit. Sie machen deutlich, dass das Bedürfnis nach Sinn, Gemeinschaft und Feier des Lebens fortbesteht, auch wenn traditionelle Glaubensformen zurückgehen. Für die Kirche liegt darin sowohl eine Anfrage als auch eine Chance zur Selbstprüfung und Erneuerung.