RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Bistum MainzRU Heute

Bistum Mainz,

RU Heute

Die sind nicht ganz so schnell, die ganzen Algorithmen

Veröffentlichung:1.8.2015

Der Fachartikel ist im Heft RELIGIONSUNTERRICHT heute 01 02 2023 unter dem Titel „Die sind nicht ganz so schnell, die ganzen Algorithmen.“ erschienen und umfasst die Seiten 19 bis 22.

Kerstin Heinemann beschreibt darin, wie Jugendliche mit Künstlicher Intelligenz und algorithmischen Empfehlungssystemen umgehen und welche Herausforderungen sich daraus für pädagogische Settings insbesondere für den Religionsunterricht ergeben. Der Artikel behandelt zentrale theologische Problemfelder wie das Menschenbild im Zeitalter von KI, Fragen nach Selbstbestimmung und Verantwortung, die Anthropologie im Horizont von Mensch Maschine Interaktion sowie die Bedeutung von Transzendenz angesichts scheinbar fehlerfreier und leistungsstarker Systeme.

Products

Der Artikel setzt historisch ein und erinnert daran, dass die Faszination für Maschinen, die menschliche Grenzen überschreiten, kein neues Phänomen ist. Bereits im Mittelalter wurden Visionen technischer Möglichkeiten entworfen. Mit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 wurde jedoch eine neue Dimension generativer Künstlicher Intelligenz für eine breite Öffentlichkeit erfahrbar. Innerhalb weniger Tage meldeten sich Millionen Nutzerinnen und Nutzer an. ChatGPT basiert auf großen Datenmengen aus dem Internet und erzeugt Texte, indem es statistisch wahrscheinliche Wortfolgen berechnet. Die Maschine ist sich ihrer Aussagen nicht bewusst, sondern kombiniert Wahrscheinlichkeiten. Dabei kann es zu sogenannten Halluzinationen kommen, also zu fehlerhaften oder erfundenen Inhalten. Zudem nennt das System keine Quellen und kann diskriminierende Muster aus Trainingsdaten reproduzieren.

Parallel zu generativer KI sind algorithmische Empfehlungssysteme längst Teil des Alltags von Kindern und Jugendlichen. Soziale Netzwerke, Streamingdienste, Shoppingplattformen oder Sprachassistenten arbeiten mit solchen Systemen. Jugendliche verfügen häufig über ein praktisches Handlungswissen. Sie verstehen, dass ihr Nutzungsverhalten Einfluss auf die angezeigten Inhalte hat, können jedoch selten konkret erklären, wie diese Systeme technisch funktionieren. Ihr Wissen entsteht vor allem durch eigene Erfahrung, nicht durch schulische Bildung.

In der Bewertung algorithmischer Systeme zeigen Jugendliche eine ambivalente Haltung. Personalisierte Inhalte werden überwiegend positiv wahrgenommen, da sie das Nutzungserlebnis angenehmer machen und soziale Anschlussfähigkeit ermöglichen. Gleichzeitig erleben sie die Plattformbetreiber als schwer durchschaubare und kaum kontrollierbare Akteure. Es entsteht ein Gefühl geteilter Handlungsmacht zwischen Nutzerinnen und Nutzern und großen Technologieunternehmen. Damit verbinden sich Fragen nach Transparenz, Teilhabe, Selbstbestimmung und Solidarität.

Auch Erwachsene fühlen sich häufig unsicher im Umgang mit KI. Studien zeigen, dass viele Menschen die Relevanz entsprechender Kompetenzen anerkennen, ihre eigenen Fähigkeiten jedoch gering einschätzen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit breiter Erprobungs und Reflexionsräume. Bildung darf sich dabei nicht auf technische Bedienkompetenz beschränken, sondern muss einen umfassenden Kompetenzbegriff zugrunde legen.

Der Artikel greift dazu das Modell verschiedener Kompetenzdimensionen auf. Medienkompetenz umfasst eine instrumentelle Dimension, die Bedienung und technisches Verständnis einschließt. Hinzu kommt eine kognitive Dimension mit Fokus auf Inhalte und Systemverständnis. Die affektive Dimension betrifft den Umgang mit eigenen Gefühlen und emotionalen Reaktionen. Die kreative Dimension zielt auf aktive Mediengestaltung, etwa im Sinne von Remix und Modding. Die soziale Dimension umfasst Kommunikation und Kollaboration. Schließlich betont die kritisch reflexive Dimension die ethische und gesellschaftliche Einordnung digitaler Systeme.

In schulischen Debatten wird KI häufig auf die Frage der Leistungsbewertung reduziert. Dabei geht es um die Sorge, ob Schülerarbeiten eigenständig verfasst wurden. Der Artikel kritisiert diese Engführung. Bildung wird vielmehr als Befähigung zu freiem und verantwortlichem Handeln verstanden. Der Einsatz von KI in schulischen Kontexten muss sich an diesem Bildungsverständnis messen lassen. Der Mensch steht im Zentrum, nicht die technologische Optimierung.

Zwar haben Kultusministerien Handreichungen und Materialien zum Umgang mit KI entwickelt, doch konzentrieren sich diese oft auf kognitive und instrumentelle Aspekte. Andere Kompetenzdimensionen bleiben unterbelichtet. Der Artikel plädiert daher für einen lebensweltorientierten Ansatz, der auch Robotik, Wearables oder Empfehlungssysteme einbezieht und aktive Medienarbeit stärkt. Gerade affektive, kreative und soziale Kompetenzen sollten gezielt gefördert werden.

Für den Religionsunterricht eröffnet die Auseinandersetzung mit KI besondere Perspektiven. Fragen nach dem Menschenbild, nach Endlichkeit und Fehlbarkeit, nach Verantwortung und Transzendenz treten in den Vordergrund. Wenn KI scheinbar fehlerfrei und leistungsfähig erscheint, stellt sich die Frage, was den Menschen als von Gott geschaffenes Wesen auszeichnet. Die Interaktion von Mensch und Maschine verlangt eine theologische Reflexion von Anthropologie und Ethik.

Abschließend verweist der Artikel auf historische Diskurse um Ada Lovelace und Alan Turing und macht deutlich, dass die Frage nach der schöpferischen Fähigkeit von Maschinen bis heute umstritten ist. Die Entwicklung ist offen und verlangt eine kontinuierliche fachliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung. Pädagogische Fachkräfte sind eingeladen, neugierig und kreativ neue didaktische Wege zu erproben und den Diskursraum verantwortungsvoll zu gestalten.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E1 Religion und Mensch in einer pluralen Welt

E1.4 Christentum in Europa – Christentum weltweit.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 3. Gesellschaftlich-politische Verantwortung aus christlicher Motivation.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.