Heilige Lade oder Golem? Hochschul und religions didaktische Reflexionen zum Umgang mit ChatGPT Von Johannes Heger. Der Autor eröffnet mit einem theologischen Blick auf Zeit und Gegenwart und beschreibt, wie einzelne Ereignisse gesellschaftliche Debatten plötzlich verdichten und zugleich grundlegende Fragen freilegen. Als Beispiel nennt er prägende öffentliche Sätze und zeigt, dass Wissenschaft in solchen Momenten helfen kann, Emotionen zu versachlichen, Komplexität sichtbar zu machen und Orientierung in die Öffentlichkeit zurückzuspiegeln. In dieser Logik verortet er auch ChatGPT. In Schule und Hochschule stand zunächst die Sorge im Vordergrund, ob schriftliche Arbeiten noch als verlässliche Prüfungsform gelten können, weil ChatGPT auf Basis von Eingaben Texte auf beachtlichem Niveau erzeugt und damit Hausarbeiten und ähnliche Formate simulieren kann. Während einzelne Institutionen zunächst mit Verboten reagierten, setzt sich in Deutschland eher ein differenzierter Umgang durch, der Regeln formuliert, aber zugleich einräumt, dass noch viel Klärungsbedarf besteht. Auch im schulischen Bereich verschob sich die Diskussion von der Frage nach Hausaufgaben und Facharbeiten hin zur Einsicht, dass Lehrkräfte Originalität nicht sicher erkennen können und dass die Leistungsfähigkeit der Systeme rasch wächst. Dadurch steigt der Druck, verlässliche Leitlinien zu entwickeln, die nicht nur rechtliche Fragen des Prüfens betreffen, sondern auch didaktische Handlungsoptionen für Unterricht eröffnen.
Heger hebt zwei öffentlichkeitswirksame Stimmen hervor, um die Polarisierung der Debatte zu zeigen. Der Deutsche Ethikrat argumentiert abwägend, warnt vor einem Einsatz als Selbstzweck, sieht aber zugleich viele Chancen für Lernprozesse und empfiehlt einen verantwortlichen Einsatz, der Chancen und Risiken abwägt, die Kompetenz von Lehrkräften stärkt und vor allem ein personales Gegenüber in Bildungskontexten sichert. Dem gegenüber steht ein prominenter offener Brief aus der Tech Szene, der ein Moratorium fordert und vor unkontrollierbaren Folgen warnt. Diese Gegenüberstellung macht sichtbar, wie stark die Debatte zu Extremen neigt und wie schnell daraus eine scheinbar einfache Frage wird, ob ChatGPT erlaubt sein soll oder nicht. Genau diese Binärlogik kritisiert der Autor als unterkomplex. Er schlägt deshalb vor, den Diskurs zunächst zu unterbrechen und Muster zu erkennen, bevor man zu didaktischen Entscheidungen kommt.
Im nächsten Schritt rekonstruiert er mehrere Muster, die in gesellschaftlichen und bildungspolitischen Reaktionen wiederkehren. Erstens werde ChatGPT oft als singuläre Revolution dargestellt, tatsächlich sei es Teil einer schnellen Entwicklung von KI, die nur im größeren Kontext angemessen verstanden werden kann. Zweitens hilft ein Blick in die Medien und Kulturgeschichte, um Alarmismus zu relativieren, denn auch frühere Medienumbrüche haben Wahrnehmung und Didaktik verändert, ohne Bildung vollständig zu zerstören. Drittens prägen tieferliegende Haltungen wie Medienskepsis oder Medieneuphorie die Argumente, weshalb er eine Haltung des kritischen Optimismus empfiehlt, also eine reflektierte, aber pragmatische Offenheit. Viertens beobachtet er eine Trennung zwischen reinem Anwendungsdenken und reiner Ethikdebatte. Beides greift zu kurz, wenn entweder nur das Wie oder nur das Warum verhandelt wird. Fünftens verstärkt eine Debattenkultur ohne Zwischentöne die Suche nach einfachen Eckpfeilern, obwohl es gerade bei KI darauf ankommt, zwischen stabilen normativen Orientierungen und momentbezogenen pragmatischen Entscheidungen zu unterscheiden. Für religiöse Bildung nennt er als eine solche normative Orientierung die bewusste Würdigung menschlicher Interaktion und Beziehung in pädagogischen Situationen.
Aus dieser Perspektive formuliert Heger, ChatGPT sei weder als Heilsobjekt noch als bedrohlicher Golem zu verstehen, sondern als Werkzeug. Für die Nutzung in Lehre und Lernen überträgt er Regeln, die einen kriteriologisch geleiteten Einsatz strukturieren. Grundsätzlich können Werkzeuge genutzt werden, aber die Grenzen werden gemeinsam ausgehandelt und immer wieder neu bestimmt. Lernende bleiben verantwortlich für ihre Ergebnisse und dürfen sich nicht in eine passive Empfängerrolle zurückziehen, sondern müssen die erzeugten Inhalte prüfen, reflektieren und begründet vertreten. Zudem muss die Nutzung eines so leistungsfähigen Hilfsmittels transparent gemacht werden. Übergeordnet gilt, dass KI Lernprozesse begleiten darf, sie aber nicht ersetzen soll. Daraus folgt, dass Lehrkräfte Aufgaben so gestalten müssen, dass nicht nur Produkte zählen, sondern Lernwege sichtbar werden. Gerade beim Prüfen erkennt Heger die eigentliche Zuspitzung. Er hält es für unrealistisch, sich allein auf Selbstauskünfte zu verlassen. Stattdessen zeigt er Auswege auf. Man kann alternative Prüfungsformate stärker nutzen oder schriftliche Formate so verändern, dass neben dem Endtext auch die Beschreibung und Bewertung des Arbeitsprozesses verlangt wird. Damit wird das bloße Auslagern der Leistung an das Tool erschwert und zugleich werden metareflexive Kompetenzen gefördert. Insgesamt versteht er die Debatte daher als Anlass, das Verhältnis von Lehrformaten, Lernprozessen und Prüfungsformaten neu zu ordnen und kriteriengeleitet aufeinander abzustimmen.
Zum Schluss betont der Autor das besondere Potenzial religiöser Bildung. ChatGPT kann dort nicht nur Werkzeug sein, sondern selbst Lerngegenstand, weil sich an ihm ethische und theologische Grundfragen konkretisieren lassen. Dazu zählen Fragen nach Wahrheit angesichts fehlerhafter oder verzerrter Ausgaben, nach Menschenwürde und nach dem Menschenbild im Kontrast zu scheinbar intelligenten Systemen sowie sozialethische Fragen, wenn Automatisierung Arbeit und Teilhabe verändert. Religiöse Bildung kann so medienethisch und medienkritisch zur Allgemeinbildung beitragen, wenn sie weder in einseitige Moralargumente noch in pauschalen Skeptizismus verfällt, sondern den beschriebenen kritischen Optimismus einübt. Entscheidend ist am Ende nicht das Tool selbst, sondern die Haltung und Professionalität der Lehrenden, die den Mut brauchen, Neuland zu betreten, Positionen zu entwickeln und die neuen Möglichkeiten methodisch sowie ethisch reflektiert zu nutzen.