Der Artikel entfaltet die Grundfrage, wie Menschen von religiösen Bildern zu Gott gelangen können, ohne das Bild mit Gott selbst zu verwechseln. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Bilder im Religiösen unvermeidlich sind, weil Gott unsichtbar ist. Gerade deshalb helfen Bilder, Zeichen und Symbole, den Glauben zu erschließen. Zugleich liegt darin eine Gefahr, denn Bilder können sich zwischen Mensch und Gott schieben. Dann werden sie nicht mehr als Hinweis verstanden, sondern als Ersatz für das Gemeinte. Der Text beschreibt diese Spannung als Grundproblem jeder reifen Religion. Entscheidend ist nicht, ob es die Spannung zwischen Bild und Bildlosigkeit gibt, sondern wie sie gestaltet wird. Bilder können zum Glauben hinführen, sie können aber auch festhalten, täuschen und den Weg versperren.
Im ersten großen Gedankenschritt wendet sich die Autorin dem Alten Testament zu. Dort wird das Gottesbild vielfach verboten. Dieses Bilderverbot bedeutet aber nicht nur eine Verneinung, sondern enthält zugleich eine überraschende positive Aussage. Israel lehnt Kultbilder Jahwes ab, weil Gott sich nicht in einem Gegenstand festlegen lässt. Gott bleibt frei, unsichtbar und unverfügbar. Er offenbart sich und entzieht sich zugleich. Darin unterscheidet sich der Gott Israels von den Göttern der umliegenden Kulturen, die in Statuen oder Naturerscheinungen gegenwärtig gedacht wurden. Das Verbot der Bilder schützt also die Souveränität Gottes.
Die eigentliche Überraschung liegt darin, dass das Alte Testament dennoch von einem Bild Gottes spricht, nämlich vom Menschen. Im Schöpfungsbericht wird der Mensch als Bild und Gleichnis Gottes bezeichnet. Damit wird das heidnische Verständnis von Gottesbildern grundlegend umgewertet. Nicht die Statue ist Bild Gottes, sondern der lebendige Mensch. Die Autorin beschreibt dies als einen gewaltigen theologischen Erkenntnissprung. Gott darf nicht durch Dinge festgelegt werden, aber im Menschen wird etwas von ihm sichtbar. Darin wird zugleich schon die Möglichkeit vorbereitet, Christus als sichtbares Bild Gottes zu denken.
Im zweiten Schritt stellt der Artikel Christus als die Erfüllung dieses Gedankens dar. In Jesus wird das wahre Bild des unsichtbaren Gottes sichtbar. Deshalb ist aus christlicher Sicht die Darstellung Christi grundsätzlich möglich. Die Diskussion um christliche Bilder wird vor diesem Hintergrund verständlich. Wenn Gott in Christus Mensch geworden ist, darf das Bild nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Darum konnte sich in der christlichen Tradition eine Bildkunst entwickeln, die nicht nur Porträts Jesu, sondern auch symbolische Darstellungen hervorbrachte. Christus erscheint so als legitime Ikone Gottes.
Im dritten Schritt erläutert die Autorin die Funktion des Bildes als Anagogie, also als Aufstiegshilfe. Bilder sollen nicht festhalten, sondern weiterführen. Sie sind wie eine Leiter, auf der der Mensch emporsteigt, um über das Sichtbare hinaus zum Unsichtbaren zu gelangen. In dieser Perspektive ist ein Bild dann wahr, wenn es auf sein Urbild verweist und nicht bei sich selbst stehen bleibt. Die Autorin greift dazu die alte theologische Formel auf, dass die Verehrung des Bildes zum Urbild hinaufsteigt. Ein gelungenes religiöses Bild ist deshalb durchsichtig. Es öffnet auf eine tiefere Wirklichkeit hin. Zugleich betont der Artikel, dass in der Gegenwart nicht nur Bilder problematisch sind, sondern auch Gedanken und Ideologien. Diese können noch stärker als Bilder verabsolutiert werden und sich als falsche Sicherheiten an die Stelle Gottes setzen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der gegenwärtigen Rede von Gott als Mutter. Die Autorin erkennt an, dass es in der Bibel mütterliche Gottesbilder gibt und dass diese lange Zeit zu wenig beachtet wurden. Ihre Wiederentdeckung kann helfen, ein einseitig männliches Gottesverständnis zu korrigieren. Zugleich warnt der Text davor, das mütterliche Gottesbild gegen das väterliche auszuspielen oder es ideologisch zu verengen. Gott ist weder einfach männlich noch weiblich. Er übersteigt jede geschlechtliche Festlegung. Vater und Mutter sind Bilder, mit denen Menschen etwas Wahres über Gott aussagen können, aber keines dieser Bilder darf absolut gesetzt werden. Problematisch wird es, wenn religiöse Bilder nur noch psychischen Bedürfnissen dienen oder als Kampfmittel gebraucht werden. Dann verliert die Gottesrede ihre Offenheit und wird zur Projektion des Menschen.
Im letzten Teil führt der Artikel die Gedanken in die Mystik hinein. Dort zeigt sich besonders deutlich, dass auch die besten Gottesbilder nur vorläufig sind. Nicht nur Bilder, auch Begriffe und theologische Systeme stoßen an Grenzen. Die großen theologischen und mystischen Stimmen betonen deshalb die Unbegreiflichkeit Gottes. Wer Gott wirklich sucht, muss lernen, dass Bilder und Gedanken zurücktreten. Dieser Weg wird als Reinigung beschrieben. Zunächst verlieren religiöse Bilder ihre unmittelbare Anschaulichkeit, später reichen auch die theologischen Begriffe nicht mehr aus. In der Nacht des Glaubens erfährt der Mensch, dass Gott sich jeder Verfügung entzieht. Gerade darin aber geschieht eine tiefere Begegnung. Die Zerstörung vertrauter Bilder ist deshalb nicht bloß Verlust, sondern ein Durchgang zu größerer Wahrheit.
Edith Stein und Johannes vom Kreuz werden am Ende als Zeugen für diesen Weg angeführt. Der Mensch wird von Gott selbst über seine eigenen Bilder hinausgeführt. Was zunächst als Dunkelheit, Leere und Verlust erscheint, wird zur Voraussetzung einer tieferen Vereinigung mit Gott. Die Bilder sind notwendig, weil der Mensch sie auf dem Weg braucht. Aber sie müssen durchsichtig bleiben und dürfen nicht zum Endpunkt werden. Darin liegt die zentrale Aussage des Artikels: Gottesbilder sind unverzichtbar, aber vorläufig. Sie helfen, solange sie auf Gott hin öffnen. Sie werden falsch, wenn sie sich an seine Stelle setzen.