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Katholische Akademie Bayern

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Neu-Lesen als Wiederlesen von längst Bekanntem

Demut hilft bei der Aufarbeitung der Missionsgeschichte

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Artikel umfasst vier Seiten. Der Beitrag beschreibt, warum sich die Missionsbenediktiner von St. Ottilien heute neu mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen. Anlass sind die aktuellen postkolonialen Debatten, die Frage nach der Herkunft und dem Umgang mit außereuropäischen Kulturgütern sowie neue wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Missionsgeschichte. Theologisch behandelt der Fachartikel vor allem Probleme des Verhältnisses von Mission und Kolonialismus, der Verantwortung kirchlicher Orden für ihre historische Vergangenheit, der Bedeutung von Demut bei der Selbstkritik sowie der Frage, wie Erinnerung, Identität und christliche Selbstdeutung miteinander verbunden sind.

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Der Artikel erläutert, warum die Missionsbenediktiner von St. Ottilien ihre Geschichte heute neu lesen wollen. Der Autor nennt drei zentrale Gründe. Erstens üben postkoloniale Diskurse starken Druck aus, weil sie auch die Geschichte von Mission und kirchlicher Präsenz in kolonialen Zusammenhängen kritisch befragen. Zweitens geht es um die in den Klöstern gesammelten Kulturgüter aus nicht europäischen Gesellschaften und um die Frage, wie mit diesem Erbe verantwortlich umzugehen ist. Drittens verweist der Autor auf neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen, die nicht mehr nur aus dem Umfeld des Ordens stammen, sondern aus akademischen Zusammenhängen und dadurch neue Perspektiven eröffnen.

Danach zeichnet der Text die Entwicklung der missionsbenediktinischen Geschichtsschreibung nach. Schon früh gab es Rückblicke auf die Anfänge des Ordens. Lange Zeit wurden solche Darstellungen vor allem intern erstellt und dienten der Selbstvergewisserung, der Identitätsbildung und auch der Werbung für die Unterstützung der Missionsarbeit. Deshalb waren viele dieser Darstellungen nicht nur informativ, sondern auch apologetisch geprägt. Seit den 1970er Jahren entwickelte sich daneben stärker eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der eigenen Geschichte. Einen wichtigen Schritt stellte die Öffnung des Archivs der Erzabtei St. Ottilien in den 1990er Jahren dar. Dadurch wurden neue Forschungen möglich. Auch die Neugestaltung des Missionsmuseums erforderte neue Formen der Reflexion über Geschichte und Erinnerung.

Im Anschluss gibt der Autor einen Überblick über wichtige neuere Veröffentlichungen zur Geschichte der Kongregation. Er nennt Editionen von Quellen, Tagebücher, Monographien und umfassende Darstellungen zur Missionsarbeit in Afrika und Asien. Dabei unterscheidet er zwischen Veröffentlichungen aus dem Umfeld der Klöster und neueren akademischen Arbeiten. Die klosternahen Publikationen wollten meist gut lesbar und auch für die eigenen Gemeinschaften verständlich sein. Dagegen rücken akademische Arbeiten stärker kulturwissenschaftliche und postkoloniale Fragestellungen in den Vordergrund. Besonders deutlich wird dies bei neueren Büchern, die Mission und Kolonialismus kritisch miteinander verknüpfen.

Ein zentraler Gedanke des Artikels ist die Bedeutung des neuen Lesens als Wiederlesen. Damit ist gemeint, dass die eigene Geschichte nicht zum ersten Mal entdeckt wird, sondern dass bereits Bekanntes erneut und tiefer betrachtet wird. Der Autor knüpft dabei an die benediktinische Tradition der wiederholenden geistlichen Lektüre an. So wie Mönche Texte immer neu lesen und vertiefen, soll auch die eigene Geschichte noch einmal aufgenommen, geprüft und neu verstanden werden. Dieses Wiederlesen soll helfen, Übersehenes, Verdrängtes und Unverdautes wahrzunehmen.

Als wichtige Haltung für diesen Prozess nennt der Autor die Demut. Sie soll helfen, die eigene Geschichte realistisch anzusehen und auch schmerzhafte oder unbequeme Wahrheiten nicht abzuwehren. Dabei spielt auch der Blick von außen eine wichtige Rolle. Kritische wissenschaftliche Stimmen können nach seiner Auffassung hilfreich sein, weil sie blinde Flecken sichtbar machen. Deshalb versteht der Autor neuere Forschungen nicht nur als Angriff, sondern auch als Chance zur ehrlichen Auseinandersetzung.

Zugleich betont der Artikel, dass die Missionsbenediktiner auch selbst etwas in die gegenwärtigen Debatten einbringen können. Besonders wichtig sei die lange Kontinuität ihrer Institutionen in Afrika. Viele Einrichtungen bestehen bis heute fort, wenn auch in veränderter Form. Hinzu kommt, dass die heutigen Verantwortungsträger dieser Institutionen überwiegend aus den jeweiligen afrikanischen Gesellschaften stammen. Sie sind zugleich Erben der missionarischen Geschichte und Nachfahren von Menschen, die vom Kolonialismus betroffen waren. Gerade darin sieht der Autor eine besondere Chance. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte soll nicht nur rückblickend erfolgen, sondern gemeinsam mit denjenigen, die diese Ambivalenzen bis heute in ihrer eigenen Identität tragen.

Am Ende spricht der Autor die Hoffnung aus, dass dieses neue Lesen der Geschichte nicht mit einer einzelnen Veranstaltung endet. Vielmehr soll ein längerer Prozess beginnen, der künftig auch an afrikanischen Orten fortgesetzt werden kann. Der Artikel versteht die Aufarbeitung der Missionsgeschichte somit als geistlichen, historischen und gemeinschaftlichen Lernprozess.

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