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Katholische Akademie Bayern

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Missionsgeschichtliche Sammlungen

Überlegungen zum Umgang mit ihnen

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Artikel umfasst vier Seiten. Der Beitrag beschreibt, wie kirchliche und ordensgeschichtliche Sammlungen im Zusammenhang mit Kolonialismus neu verstanden und verantwortungsvoll bearbeitet werden können. Im Zentrum stehen unterschiedliche Wahrnehmungen kolonialer Sammlungen, die Belastung kirchlicher Beziehungen durch die Folgen des Kolonialismus sowie die Notwendigkeit von Dialog, Heilung und gemeinsamer Verantwortung. Der Fachartikel behandelt dabei vor allem theologische Probleme wie die Verstrickung von Mission und Kolonialismus, die Frage nach kirchlicher Schuld und Glaubwürdigkeit, das christliche Selbstverständnis im Umgang mit belasteter Vergangenheit sowie die Bedeutung von Versöhnung, Beziehung und Verantwortung in weltkirchlichen Zusammenhängen.

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Der Artikel beginnt mit einer persönlichen Erfahrung des Autors bei einem Besuch im Missionsmuseum von St. Ottilien. Während er selbst die Führung als gelungen wahrnahm, reagierte ein afrikanischer Kollege aus Kamerun mit Ärger und Distanz, weil Afrika aus seiner Sicht vor allem als exotisch und arm dargestellt wurde. An diesem Beispiel zeigt der Autor, dass koloniale Sammlungen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden und dass solche Unterschiede ernst genommen werden müssen. Entscheidend ist für ihn, dass Menschen über diese Erfahrungen sprechen können. Schweigen aus Rücksicht oder Konfliktvermeidung behindert nach seiner Auffassung notwendige Lernprozesse.

Im nächsten Schritt erläutert der Autor, dass sich Justitia et Pax seit Jahren mit gewaltbelasteter Vergangenheit und Versöhnungsprozessen beschäftigt. In der weltkirchlichen Praxis sei deutlich geworden, dass die Folgen des Kolonialismus bis heute Beziehungen stören, insbesondere in Afrika und Lateinamerika. Deshalb wurde eine Task Force zum Umgang mit dem kolonialen Erbe eingerichtet. Ihr Ziel ist es, im kirchlichen und gesellschaftlichen Diskurs sprachfähiger zu werden und die spezifischen kirchlichen Erfahrungen angemessen einzubringen. Der Autor betont, dass die Weltkirche dabei einen besonders produktiven Rahmen bietet, weil hier Spannungen, Verletzungen und historische Belastungen vorhanden sind, aber zugleich ein gemeinsamer Glaube und ein Grundvertrauen tragen.

Ein wichtiger Schwerpunkt des Artikels liegt auf dem Verhältnis von Mission und Kolonialismus. Der Autor unterstreicht, dass dieses Verhältnis eng, aber zugleich ambivalent war. Mission und Kolonialismus seien vielfach miteinander verflochten gewesen. Die Kirche müsse sich dieser Geschichte stellen, weil es dabei nicht nur um historische Distanz, sondern um Glaubwürdigkeit gehe. Der Autor erinnert daran, dass auch kirchliche Akteure in koloniale Gewaltverhältnisse verwickelt waren, etwa im Zusammenhang mit der Sklaverei. Dabei gehe es nicht nur um Fehler, sondern teilweise auch um Schuld und Verbrechen. Der Hinweis auf das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul dem Zweiten macht deutlich, dass diese Aufarbeitung zum kirchlichen Selbstverständnis gehört. Der Umgang mit Sammlungen ist deshalb für den Autor keine rein technische oder museale Frage, sondern eine Frage danach, wie Kirche sich selbst versteht und wie sie sich zu ihrer eigenen Geschichte verhält.

Zugleich warnt der Autor davor, zu abstrakt über Kolonialismus oder Mission zu sprechen. Die verschiedenen historischen und regionalen Kontexte müssten ernst genommen werden, weil Gewalt immer konkret sei und auch die Antworten konkret sein müssten. Vor diesem Hintergrund formuliert Justitia et Pax postkoloniales Denken und Handeln als gemeinsames Nachdenken und gemeinsames Handeln über die Folgen des Kolonialismus als ein gemeinsames, wenn auch asymmetrisches Erbe. Ziel sei die Herstellung versöhnter Beziehungen. Daraus folgt für den Autor, dass mehr miteinander gesprochen werden muss, damit Beziehungsstörungen sichtbar werden und Verantwortung gemeinsam wahrgenommen werden kann.

An einem Beispiel aus Kamerun verdeutlicht der Artikel, dass es bei Rückgaben von Objekten um mehr geht als um die bloße Übergabe eines Gegenstandes. Die Rückgabe einer Ahnenfigur kann wichtig sein, löst aber die tieferliegenden Verletzungen nicht von selbst. Vielmehr braucht es Heilungsprozesse, in denen Beziehungen bearbeitet werden. Das zeigt nach Auffassung des Autors, dass Sammlungen Ausdruck von Selbstverständnissen, Beziehungen und Störungen von Beziehungen sind. Zudem verweist er darauf, dass koloniale Belastungen nicht nur zwischen Europa und Afrika wirksam sind, sondern auch innerhalb afrikanischer Gesellschaften zwischen verschiedenen Gruppen.

Für die missionsgeschichtlichen Sammlungen zieht der Autor daraus weitreichende Konsequenzen. Solche Sammlungen sind für ihn komplexe Zeugnisse kolonialer, teilweise auch antikolonialer und postkolonialer Geschichte. Sie dokumentieren Lernprozesse, spiegeln Selbstbilder von Orden, Kirche und Gesellschaft und sind gewissermaßen der greifbare Teil ihrer Geschichte. Gleichzeitig zeigen sie die missionierten Gesellschaften aus der Perspektive der Missionierenden. Deshalb bezeichnet der Autor sie mit einem Ausdruck von Johann Baptist Metz als gefährliche Erinnerung. Sie erinnern an richtige Anliegen in falschen Strukturen und zugleich an die Grenzen, Schuld und Verletzungen dieser Geschichte.

Der Artikel beschreibt auch die Widerstände, die in Ordensgemeinschaften gegenüber einer solchen Aufarbeitung bestehen können. Dazu gehören Angst vor pauschaler Verurteilung, Sorge um das Ansehen des Erbes, Loyalität gegenüber früheren Generationen, Furcht vor der Entwertung der eigenen Lebensleistung und vor Kontrollverlust. Daraus entstehen nach dem Autor verschiedene Versuchungen. Eine Versuchung besteht darin, das frühere positive Selbstbild nur leicht zu korrigieren und im Grunde zu erhalten. Eine andere Versuchung ist, gar nicht angemessen mit dem Erbe umzugehen, sei es aus Überforderung oder aus Mangel an Ressourcen. Eine weitere Versuchung liegt darin, alles formal korrekt machen zu wollen, ohne die tieferen Verletzungen und affektiven Dimensionen wahrzunehmen. Für den Autor reicht es nicht, lediglich bestehende Leitfäden abzuarbeiten. Vielmehr müsse man lernen, die mit den Sammlungen verbundenen Verletzungen angemessen zur Sprache zu bringen.

Abschließend entwickelt der Artikel Perspektiven für den zukünftigen Umgang mit dem Erbe. Positiv bewertet der Autor, dass die Deutsche Ordensobernkonferenz ein Projekt begonnen hat, um das vorhandene Erbe systematisch zu erfassen. Dazu zählt alles von menschlichen Überresten bis zu einfachen Alltagsgegenständen. Dieses Erbe müsse nicht nur verwaltet, sondern bewusst angetreten, kontextualisiert und gemeinsam interpretiert werden. Dies könne nicht allein in Europa geschehen, sondern nur zusammen mit Partnern in Afrika. Außerdem stellt sich die Frage, wer dieses Erbe überhaupt tragen kann. Aus Sicht des Autors braucht es dafür größere und tragfähigere Plattformen. Das Erbe gehört nicht allein den Orden, sondern muss mit anderen geteilt werden. Deshalb plädiert der Artikel für Multiperspektivität und Transparenz. Missionsgeschichtliche Sammlungen sollen künftig Orte der Begegnung, des Austauschs, der Reflexion und des Diskurses werden. Auf diese Weise könnten sie einen produktiven Beitrag zum kirchlichen und gesellschaftlichen Umgang mit den Folgen des Kolonialismus leisten.

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