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Katholische Akademie Bayern

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Kontrolle von unten, Rechenschafts Vom Wandel des Unreformierbaren

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Artikel umfasst etwa 4 Seiten. Der Fachartikel setzt sich mit der Frage auseinander, ob echte Synodalität in der katholischen Kirche trotz der bis heute wirksamen Beschlüsse des Ersten Vatikanischen Konzils möglich ist. Behandelt werden dabei vor allem theologische Probleme wie das Verhältnis von Primat und Synodalität, die Verbindlichkeit des Unfehlbarkeitsdogmas, die Entwicklungsfähigkeit von Dogmen, die Bedeutung des Papstamtes für die Einheit der Kirche sowie die Spannung zwischen kirchlicher Autorität, Beteiligung und Ökumene.

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Der Artikel dokumentiert eine digitale Diskussion mit Julia Knop, Peter Neuner und Michael Seewald über die bleibenden Folgen des Ersten Vatikanischen Konzils für die katholische Kirche. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Kirche trotz des stark ausgeprägten päpstlichen Primats zu einer echten synodalen Struktur gelangen kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Papst Franziskus zwar Synodalität stark betont und auch in Deutschland mit dem Synodalen Weg neue Formen der Beratung und Mitentscheidung erprobt werden, dass aber die kirchliche Rechts und Machtstruktur weiterhin stark vom Ersten Vatikanischen Konzil geprägt ist.

Julia Knop hebt hervor, dass der Schatten des Ersten Vatikanischen Konzils bis heute sehr lang ist. Mit diesem Konzil sei ein stark vertikales und hierarchisches Kirchenverständnis festgeschrieben worden. Das Zweite Vatikanische Konzil habe zwar versucht, dieses Modell durch Kollegialität zu ergänzen, doch sei Beteiligung bis heute meist nicht rechtlich abgesichert, sondern bleibe von der Bereitschaft der kirchlichen Leitung abhängig. Gerade darin liege ein grundlegendes Problem. Der Synodale Weg in Deutschland sei jedoch ein Beispiel dafür, dass katholische Synodalität bereits heute anders praktiziert werden könne. Dort beraten und entscheiden Kleriker und Laien gemeinsam, ohne scharfe Trennung zwischen beratenden und entscheidenden Personen. Zwar hätten die Beschlüsse keine unmittelbare Rechtskraft, doch entstehe durch die gemeinsam gefassten Mehrheiten eine moralische Bindung. Damit werde eine Form kirchlichen Handelns sichtbar, die möglicherweise später auch rechtlich abgesichert werden könnte. Als weitreichendste Möglichkeit sieht Knop, dass die Kirche lernt, Macht stärker zu kontrollieren, Rechenschaft einzufordern und sich selbst verbindlich an synodale Verfahren zu binden.

Peter Neuner betrachtet die Lage besonders aus ökumenischer Sicht. Er macht deutlich, dass andere christliche Kirchen sich kaum auf das heutige römische Papsttum mit seinem Jurisdiktionsprimat und der Unfehlbarkeitslehre einlassen können. In dieser Gestalt sei das Papstamt ökumenisch nicht anschlussfähig. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die katholische Theologie das Papstamt heute vielfach anders versteht als 1870. Viele damalige Aussagen über Petrus, die Bischöfe von Rom und den juristischen Primat des Papstes würden heute in dieser Form kaum noch vertreten. Neuner betont, dass nicht der Absolutismus der eigentliche Kern der Lehre sein müsse, sondern der Dienst an der Einheit der Kirche. Wenn man das Papstamt von diesem Gedanken her deute, entstünden neue Möglichkeiten für eine theologische und ökumenische Neubewertung. Synodalität versteht er dabei als Gegenmodell zum Absolutismus. Sie bedeute gemeinsames Hören, gemeinsames Ringen um den Glauben und eine verbindliche kollegiale Form kirchlicher Leitung.

Michael Seewald lenkt den Blick auf die Frage, wie Dogmen sich entwickeln können. Er macht deutlich, dass Dogmenentwicklung nicht einfach bedeutet, frühere Aussagen zurückzunehmen oder beliebig umzudeuten. Vielmehr habe sich das lehramtliche Selbstverständnis der Kirche seit dem Ersten Vatikanischen Konzil in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Einerseits sei der Papst mit seiner außerordentlichen Lehrvollmacht sehr zurückhaltend umgegangen. Andererseits habe es eine schleichende Ausweitung unfehlbarer Lehren gegeben. So sei der Bereich verbindlicher Lehre auf Aussagen ausgeweitet worden, die nicht selbst als geoffenbart gelten, aber angeblich notwendig mit der Offenbarung zusammenhängen. Seewald spricht deshalb von einer schleichenden Infallibilisierung kirchlicher Lehre. Zugleich unterscheidet er deutlich zwischen Jurisdiktionsprimat und Unfehlbarkeit. Während eine starke oberste Instanz in Leitungsfragen für die Weltkirche durchaus sinnvoll sein könne, etwa beim Schutz vor sexualisierter Gewalt, sei fraglich, ob auch Lehrfragen weiterhin in einem solchen rechtlichen und souveränen Modell behandelt werden sollten. Glauben sei nicht einfach Gehorsam gegenüber einem gesetzgeberischen Souverän.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wird gefragt, ob sich an der katholischen Lehre überhaupt noch etwas ändern kann. Seewald betont, dass Offenbarung immer auslegungsbedürftig sei und die Kirche deshalb notwendig interpretierend handle. Gerade daraus ergebe sich auch die Möglichkeit, frühere Deutungen neu zu überdenken. Als Beispiel nennt er die frühere starke lehramtliche Bindung an den Monogenismus, also die Vorstellung, alle Menschen stammten biologisch von Adam und Eva ab. Diese Lehre habe unter Pius dem Zwölften noch große Bedeutung gehabt, sei später aber fast vollständig aus dem kirchlichen Bewusstsein verschwunden. Daran zeige sich, dass auch sehr verbindlich auftretende Lehraussagen historisch an Bedeutung verlieren können.

Zum Schluss formulieren die drei Theologinnen und Theologen ihre Perspektiven auf mögliche Reformen. Seewald betont die Vorstellung einer lernenden Kirche, in der auch der Papst nicht nur Lehrender, sondern ebenso Lernender ist. Neuner setzt auf Synodalität als verbindliche Form kollegialer Machtausübung und hofft auf strukturelle Veränderungen bis hinein ins Kirchenrecht. Knop hebt besonders hervor, dass Machtfragen nur verändert werden können, wenn die Spitze selbst zur Selbstbindung bereit ist. Sie denkt an tiefgreifende Strukturreformen, an eine breitere Beteiligung des ganzen Gottesvolkes und sogar an ein zukünftiges Drittes Vatikanisches Konzil. Insgesamt zeigt der Artikel, dass die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils weiterhin ein starkes Hindernis für Synodalität und Ökumene darstellen, dass es aber zugleich theologische Denkmodelle und kirchliche Erfahrungen gibt, aus denen sich Wege zu Veränderung und Reform entwickeln könnten.

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