Otfried Höffe beginnt seinen Fachartikel mit der Beobachtung, dass Verzicht in Philosophie, Theologie und Religionen eine große praktische Bedeutung besitzt, in wichtigen Nachschlagewerken jedoch kaum behandelt wird. Obwohl Fasten, Spenden und bestimmte Formen des Verzichts im Christentum, Judentum und Islam weiterhin verbreitet sind, scheint der Begriff in der modernen Theorie auffallend randständig zu sein. Daraus ergibt sich für Höffe die Frage, ob Verzicht heute als weltfremde Utopie erscheint oder ob er weiterhin eine reale und notwendige Orientierung für das menschliche Leben darstellt.
Zunächst klärt Höffe den Begriff des Verzichts sprachlich und historisch. Ursprünglich bedeutete Verzicht vor allem den förmlichen Verzicht auf einen Rechtsanspruch. Heute meint der Begriff eher eine frei gewählte Einschränkung der eigenen Wünsche, Bedürfnisse oder Möglichkeiten. In anspruchsvollerem Sinn wird Verzicht zu einer persönlichen Haltung und damit zu einem Ethos. Entscheidend ist für Höffe, dass es sich dabei um einen bewussten und freiwilligen Willensakt handelt. Gerade diese Fähigkeit hebt den Menschen von bloß instinktgeleiteten Lebewesen ab. Verzicht besitzt damit eine anthropologische Bedeutung, weil er Ausdruck von Mündigkeit, Verantwortlichkeit und Selbststeuerung ist.
Im nächsten Schritt wendet sich der Artikel der Antike zu. Dort findet Höffe wichtige Wurzeln des Nachdenkens über Verzicht. Besonders der Begriff der Askese wird neu beleuchtet. Heute werde Askese oft mit harter Selbstverleugnung und feindlicher Haltung gegenüber den Sinnen verbunden. Ursprünglich bedeutete Askese jedoch Übung und Einübung. Gemeint war nicht die Zerstörung menschlicher Bedürfnisse, sondern ihre Schulung im Dienst eines besseren und gelingenden Lebens. Auch Nietzsche, den Höffe gegen verbreitete Missverständnisse verteidigt, sehe in der Askese nicht bloß Unterdrückung, sondern eine bewusste Zügelung der Sinnlichkeit zugunsten geistiger und schöpferischer Ziele.
Ein zentrales antikes Leitwort ist für Höffe die Sophrosyne, also Besonnenheit oder Maßhaltung. Diese Tugend richtet sich gegen zwei Grundgefahren des Menschen, gegen Hybris und gegen maßloses Begehren. Hybris meint den frevelhaften Übermut, Pleonexie das Immer mehr wollen ohne innere Grenze. Besonnenheit fordert nicht den Rückzug aus der Welt und auch nicht die Zerstörung der Gefühle. Sie verlangt vielmehr, dass der Mensch sich selbst kennt, seine Grenzen wahrnimmt und seine Wünsche vernünftig ordnet. In diesem Sinn ist Verzicht kein Selbstzweck, sondern Teil eines guten Lebens.
Anschließend untersucht Höffe die Positionen von Platon und Aristoteles. Platon denkt Besonnenheit sowohl auf der Ebene des einzelnen Menschen als auch des Gemeinwesens. Verzicht dient bei ihm dazu, die Herrschaft des Besseren über das Schlechtere zu sichern. Deshalb fordert er sogar von der politischen Führung, auf Familie und Eigentum zu verzichten, um nicht dem Gemeinwohl untreu zu werden. Aristoteles konzentriert sich stärker auf die personale Tugend. Für ihn ist Besonnenheit das rechte Maß im Umgang mit Lust, Begierde und Affekten. Diese Mitte ist nicht mathematisch, sondern vernünftig zu verstehen. Verzicht bedeutet bei Aristoteles also nicht Unterdrückung, sondern die vernünftige Herrschaft über Essen, Trinken, Sexualität und Zorn. Gemeinwesen profitieren davon, wenn ihre Bürger in diesem Sinn maßvoll und besonnen handeln.
Höffe erweitert den Blick dann auf andere antike Positionen. Diogenes steigert Verzicht zur demonstrativen Bedürfnislosigkeit und macht daraus eine provokante Lebensform. Epikur dagegen zeigt, dass sogar ein Philosoph der Lust für Verzicht eintreten kann. Denn wahre Lust bestehe nicht im ständigen Mehr, sondern in Gelassenheit, Ruhe und leicht erfüllbaren Bedürfnissen. Auch hier dient Verzicht nicht der Selbstquälerei, sondern einer nachhaltigen Lebenskunst.
Im theologischen Teil des Artikels untersucht Höffe dann den Einfluss des Neuplatonismus und seine Wirkung auf das Christentum. Neuplatonische Denker trennten scharf zwischen sinnlicher und geistiger Welt und neigten dazu, die sinnliche Seite des Menschen abzuwerten. Diese Sicht habe christliches Denken teilweise stark beeinflusst, besonders bei Augustinus. Höffe beschreibt, wie Augustinus nach einem ausschweifenden Leben zu einer asketischen Existenz überging und auf Reichtum, Frauen und Karriere verzichtete. Zwar habe Augustinus diesen Lebensstil nicht allen Christen vorgeschrieben, dennoch habe sein Beispiel die Vorstellung gestärkt, radikaler Verzicht sei die höhere christliche Lebensform. Darin erkennt Höffe eine leib und lebensfeindliche Tendenz, die dem Christentum nicht fremd sei.
Zugleich betont der Artikel, dass weder das Alte noch das Neue Testament insgesamt sinnenfeindlich verstanden werden dürfen. Das Judentum kenne keinen Pflichtzölibat, und auch das christliche Fasten dürfe nach dem Matthäusevangelium nicht finster oder demonstrativ vollzogen werden. Selbst Augustinus sage, es komme nicht darauf an, wie viel jemand esse, sondern wie leicht und heiter er im Notfall darauf verzichten könne. Höffe hebt damit hervor, dass auch in der christlichen Tradition Verzicht nicht zwingend mit Verbitterung oder Weltverneinung verbunden sein muss.
Besonders positiv bewertet Höffe Thomas von Aquin. Da Thomas sich stark an Aristoteles orientiert, versteht er Verzicht und Fasten nicht als außergewöhnlich religiöse Sonderleistung, sondern als Ausdruck des natürlichen Sittengesetzes. Maßhalten sei eine allgemein menschliche Tugend, die auch ohne religiöse Offenbarung einsichtig sei. Fasten sei deshalb eher ein Mittel gegen die Unordnung der Sinnlichkeit als eine rein religiöse Praxis. Dennoch macht Höffe darauf aufmerksam, dass im Christentum hinter den einzelnen Verzichten ein tieferer Verzicht steht, nämlich die Selbstverleugnung in der Nachfolge Jesu. Dadurch werden die klassischen Tugenden relativiert. Denn aus christlicher Sicht sind nicht mehr nur Besonnenheit, Gerechtigkeit oder Klugheit entscheidend, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese theologischen Tugenden zielen auf Gott und das ewige Leben und können so den weltlichen Tugenden ihr Eigenrecht zu nehmen drohen.
Gerade darin sieht Höffe eine starke Provokation für säkulare Gesellschaften. Wenn die weltlichen Tugenden nur noch Vorstufen oder Hilfen für ein jenseitiges Ziel sind, verlieren sie ihre Selbständigkeit. Thomas von Aquin versuche allerdings, ihren Eigenwert zu bewahren. So betont er, dass Maßhalten auch natürliche Zwecke erfüllt, etwa Selbsterhaltung und Arterhaltung. Höffe würdigt diese lebensoffene Haltung als wichtige Korrektur christlicher Leibfeindlichkeit.
Im modernen Teil des Artikels weist Höffe auf eine Form des Verzichts hin, die oft übersehen wird, nämlich die Arbeit. Mit Hegel argumentiert er, dass Arbeit einen Verzicht auf unmittelbaren Genuss bedeutet. Wer arbeitet, verschiebt Befriedigung, formt die Welt und gewinnt dadurch eine spezifisch menschliche Freiheit. In diesem Sinn ist Verzicht nicht Verlust, sondern Bedingung von Bildung und Selbstgestaltung.
Zum Schluss greift Höffe noch neuere Denker wie Kant, Nicolai Hartmann und Josef Pieper auf. Kant fordert, Tugenden nicht freudlos zu praktizieren. Hartmann versteht Besonnenheit positiv als Maß und Ebenmaß und lehnt eine Ausrottung der Affekte ab. Pieper verteidigt das Fasten als Erziehungsmittel, weil der Mensch sein wahres Wesen nur dann verwirklichen könne, wenn er sich auch etwas versagen lernt. Höffe bleibt hier vorsichtig und weist darauf hin, dass moderne Diät und Fastenkuren sowohl Zustimmung zu dieser Sicht als auch Zweifel an ihrer praktischen Wirksamkeit erkennen lassen.
In seiner Bilanz führt Höffe die historische Diskussion in die Gegenwart. Heute gehe es nicht nur um persönliche Lebensführung, sondern auch um ökologische, technische, politische und globale Herausforderungen. Die Überbeanspruchung der Natur, Eingriffe in das Erbgut, Eingriffe in die Privatsphäre, autoritäre Staaten und Kriege zeigen, dass moderne Gesellschaften neue Formen der Besonnenheit und des Verzichts brauchen. Deshalb kommt Höffe zu dem Ergebnis, dass Verzicht keine lebensfremde Utopie ist. Eine menschenwürdige Zukunft erfordert vielmehr persönliche, gesellschaftliche und globale Formen der Selbstbegrenzung. Verzicht erscheint so als realistische und notwendige Vision verantwortlichen Lebens.