Andreas Urs Sommer stellt Friedrich Nietzsche als radikalen Kritiker des Christentums vor. Nietzsche verstand sich als Denker, der die überlieferten Werte des Abendlandes erschüttern wollte. Besonders in seinem Werk „Der Antichrist“ griff er das Christentum scharf an. Er sah darin eine Religion, die Schwäche, Leid, Unterordnung und Fremdbestimmung fördere. Zugleich wird gezeigt, dass Nietzsche nicht einfach nur gegen Religion polemisierte, sondern grundlegende Fragen an Christinnen und Christen stellte.
Der Artikel ordnet Nietzsches Kritik historisch ein. Schon vor Nietzsche gab es atheistische, aufklärerische und kirchenkritische Denker. Nietzsche steht also in einer längeren Tradition der Religionskritik. Neu ist jedoch die Schärfe seiner Sprache und sein Anspruch, die christliche Wertordnung grundsätzlich umzuwerten. Seine berühmte Aussage „Gott ist tot“ meint nicht nur den Verlust eines Glaubenssatzes, sondern die Erschütterung der ganzen moralischen und kulturellen Ordnung, die auf Gott bezogen war.
Ein Schwerpunkt liegt auf Nietzsches Bild von Jesus. Nietzsche trennt Jesus deutlich vom späteren Christentum. Jesus erscheint bei ihm nicht als göttlicher Erlöser, sondern als Mensch, der eine bestimmte Lebenspraxis vorgelebt habe. Für Nietzsche geht es bei Jesus weniger um Glaubenslehre als um eine Weise des Handelns. Die Kirche und die ersten Christen hätten diese ursprüngliche Praxis aber verfälscht und daraus Lehre, Dogma, Jenseitshoffnung und Machtstrukturen gemacht.
Der Artikel zeigt außerdem, dass Nietzsche dem frühen Christentum Ressentiment vorwirft. Die ersten Christen hätten ihre Ohnmacht gegenüber den Mächtigen in eine moralische Gegenwelt verwandelt. Aus Schwäche sei eine Moral entstanden, die Stärke, Selbstbehauptung und Lebensfreude abwerte. Damit verbindet Nietzsche seine Kritik an Jenseitsvorstellungen. Besonders Paulus gilt ihm als derjenige, der das Christentum von der diesseitigen Lebenspraxis Jesu weggeführt und auf Gericht, Himmel, Hölle und Erlösung im Jenseits ausgerichtet habe.
Weitere zentrale Fragen betreffen die christliche Moral und den priesterlichen Machtanspruch. Nietzsche sieht im Christentum eine Sklavenmoral, die die Werte der Schwachen zur allgemeinen Norm mache. Priester erscheinen bei ihm als Figuren, die diese Moral verwalten und Menschen abhängig halten. Damit verbindet sich die Frage nach Fremdbestimmung und Selbstbestimmung. Für Nietzsche verhindert das Christentum echte Autonomie, weil es den Menschen unter göttliche Gebote und kirchliche Deutungshoheit stellt.
Sommer macht aber deutlich, dass Nietzsches Kritik nicht einfach übernommen werden muss. Manche seiner Voraussetzungen sind fragwürdig, etwa seine Berufung auf eine angeblich natürliche Rangordnung. Dennoch bleibt seine Kritik für Theologie und Religionsunterricht herausfordernd. Sie zwingt dazu, neu über Jesus, Kirche, Glauben, Moral, Freiheit, Jenseitshoffnung und die Bedeutung christlicher Überzeugungen nachzudenken. Für Lehrkräfte ist besonders wichtig, dass Nietzsche nicht nur als Gegner des Christentums gelesen wird, sondern als Denker, der Lernende zur kritischen Auseinandersetzung mit Religion, Werten und Lebensdeutung anregen kann.