Im theologischen Schwerpunkt hebt Kardinal Karl Lehmann die existentielle Bedeutung des Sonntags für das christliche Leben hervor. Ausgehend vom Zeugnis der frühen Märtyrer, die erklärten, ohne das Herrenmahl nicht leben zu können, entfaltet er den Sonntag als Mitte christlicher Zeitgestaltung. Der Sonntag ist Tag der Auferstehung, Tag der Eucharistie, Tag der Kirche und zugleich Tag des Menschen. Er steht für Ruhe, Dank, Freude und Neuorientierung und wirkt damit einer Reduktion des Menschen auf Arbeit, Leistung und Konsum entgegen. Lehmann betont, dass das Sonntagsgebot nur von dieser inneren Sinnhaftigkeit her verstanden werden kann und nicht als bloße Pflicht.
Historisch vertieft wird dieser Zugang durch die Darstellung der frühchristlichen Sonntagspraxis. Heike Grieser zeigt, dass die christliche Feier des Herrentags bereits lange vor der konstantinischen Gesetzgebung fest verankert war. Der Sonntag war von Anfang an der Tag der Versammlung, der Schriftlesung, des Gebets, der Eucharistie und der Solidarität mit den Bedürftigen. Die Einführung des arbeitsfreien Sonntags durch Kaiser Konstantin im Jahr 321 wird als politisch und religiös vieldeutiger Schritt eingeordnet, der den Christen zwar neue Freiräume eröffnete, den religiösen Sinn des Sonntags aber nicht automatisch garantierte. In der nachkonstantinischen Zeit zeigt sich vielmehr eine zunehmende Spannung zwischen geistlicher Feier, sozialer Praxis und rechtlicher Durchsetzung der Sonntagsruhe.
Einen liturgisch-theologischen Zugang eröffnen Ansgar Franz und Alexander Zerfaß, die den Sonntag als „Urfeiertag“ des Christentums entfalten. Anhand der verschiedenen Sonntagsnamen – erster Tag, Auferstehungstag, Herrentag, achter Tag – machen sie deutlich, dass der Sonntag nicht das Ende der Woche, sondern ihr Anfang ist. Er verweist auf Schöpfung, Auferstehung und Vollendung und macht christliche Zukunftshoffnung erfahrbar. Besonders betont wird die enge Verbindung von Sonntag und Herrenmahl: Die Eucharistie ist nicht ein beliebiges Ritual, sondern Ausdruck der gemeinschaftlichen Erinnerung an Tod und Auferstehung Christi.
Weitere Beiträge weiten den Blick auf die Gegenwart. Norbert Witsch fragt nach Sinn und Zweck des Sonntags im Spannungsfeld von kirchlichen Traditionen und staatlichen Regelungen. Ingrid Reidt argumentiert aus sozialethischer Perspektive für den Sonntagsschutz als Beitrag zu einer humanen Gesellschaft. Alexander Nawar zeigt am Beispiel der „Sunday Assembly“, dass selbst in säkularen Kontexten das Bedürfnis nach sonntäglichen Ritualen, Gemeinschaft und Sinn besteht. Empirische Studien zum Freizeitverhalten Jugendlicher verdeutlichen zugleich, wie stark der Sonntag heute durch Mediennutzung, Individualisierung und flexible Zeitstrukturen geprägt ist.
Der Praxisteil des Heftes bietet vielfältige Anregungen für den Religionsunterricht. Vorgestellt werden unter anderem vergleichende Zugänge zu Schabbat- und Sonntagspädagogik, Unterrichtsbausteine für die Sekundarstufe I sowie ein rollenspielorientierter Zugang zum Thema verkaufsoffener Sonntag. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler nicht moralisch zu belehren, sondern sie zur Reflexion über Zeit, Ruhe, Sinn, Gemeinschaft und religiöse Praxis anzuregen.
Insgesamt versteht sich das Heft als Plädoyer für eine erneuerte Sonntagskultur, die religiöse, soziale und anthropologische Dimensionen miteinander verbindet. Für Religionslehrkräfte bietet es eine theologisch fundierte und zugleich lebensweltlich anschlussfähige Grundlage, um den Sonntag im Unterricht als wichtigen Erfahrungs- und Deutungsraum menschlichen Lebens zu erschließen.