Für den Religionsunterricht besitzt das Medium ein besonderes Potenzial, weil sich die historischen Ereignisse mit grundlegenden ethischen und religiösen Fragen nach Freiheit, Menschenwürde, Gewissen, Verantwortung, Frieden, Gerechtigkeit und Zivilcourage verbinden lassen. Dabei sollte das Material nicht ausschließlich zur Vermittlung historischer Kenntnisse verwendet werden. Vielmehr können die Lernenden ausgehend von konkreten historischen Situationen darüber nachdenken, was Freiheit für den Menschen bedeutet, wo staatliche Macht ihre Grenzen findet und welche Verantwortung Einzelne gegenüber ungerechten gesellschaftlichen und politischen Strukturen tragen. Der Mauerfall bietet sich dabei als historisches Beispiel für die Erfahrung an, dass politische und gesellschaftliche Verhältnisse veränderbar sind. Diese Perspektive wird bereits in der Einführung des Materials aufgegriffen, die darauf hinweist, dass Geschichte offen ist und unerwartete Veränderungen möglich sind.
Für einen motivierenden Einstieg eignet sich besonders Arbeitsblatt 1. Die drei Stationen des 9. November 1989 ermöglichen eine schrittweise Rekonstruktion der Ereignisse. Die Lernenden können zunächst Vermutungen dazu formulieren, wie eine einzelne Aussage auf einer Pressekonferenz eine derart weitreichende Entwicklung auslösen konnte. Anschließend erschließen sie die Abfolge von Pressekonferenz, medialer Berichterstattung, wachsendem Druck an den Grenzübergängen und schließlich der Öffnung der Mauer. Die auf Seite 3 eingesetzten historischen Fotografien unterstützen einen visuellen Zugang und können zunächst ohne die begleitenden Texte betrachtet werden. Die Lernenden beschreiben Beobachtungen, formulieren Fragen und entwickeln mögliche Erklärungen. Erst danach werden die Informationstexte hinzugezogen. Dadurch wird historisches Lernen als entdeckender Prozess gestaltet.
Arbeitsblatt 2 eignet sich zur historischen Kontextualisierung. Die Teilung Deutschlands und Berlins wird mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Konflikt zwischen den damaligen Großmächten verbunden. Die Karte Europas sowie die Gegenüberstellung von Fotografien des Potsdamer Platzes in den 1970er Jahren und im Jahr 2004 ermöglichen einen anschaulichen Vergleich unterschiedlicher historischer Situationen. Methodisch kann hier mit Bildvergleichen, Kartenarbeit oder einem Zeitstrahl gearbeitet werden. Auch die im Material vorgeschlagene Befragung von Zeitzeugen kann aufgegriffen werden. Dabei sollte im Unterricht zugleich thematisiert werden, dass persönliche Erinnerungen subjektive Perspektiven darstellen und nicht mit einer objektiven historischen Darstellung gleichgesetzt werden können.
Eine besonders ergiebige Schnittstelle zum Religionsunterricht bietet Arbeitsblatt 3. Es thematisiert die Flucht aus der DDR, die Gefahren an der Grenze und die Verantwortung von Grenzsoldaten. Das Material stellt ausdrücklich die Frage, ob sich Menschen bei der Ausführung tödlicher Befehle auf die Aussage „Befehl ist Befehl“ berufen können. Diese Fragestellung eignet sich hervorragend zur ethischen Urteilsbildung. Die Lernenden können zwischen Gehorsam, persönlichem Gewissen und individueller Verantwortung unterscheiden und Kriterien für verantwortliches Handeln entwickeln. Im Religionsunterricht lässt sich dies mit Vorstellungen von Gewissensfreiheit, Menschenwürde, Schuld und Verantwortung verbinden. Methodisch bietet sich eine strukturierte Dilemmadiskussion an. Zunächst werden die historischen Rahmenbedingungen geklärt, anschließend unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten und Verantwortungsgrade untersucht. Am Ende formulieren die Lernenden ein begründetes eigenes Urteil. Wichtig ist dabei, historische Situationen nicht vorschnell aus heutiger Perspektive zu beurteilen, sondern Handlungsbedingungen und individuelle Verantwortung gleichermaßen zu berücksichtigen.
Für den Religionsunterricht ist Arbeitsblatt 4 von besonderer Bedeutung, da es ausdrücklich auf die Rolle evangelischer Kirchen im Jahr 1989 eingeht. Das Material beschreibt Friedensgruppen, Umweltgruppen und Menschenrechtsgruppen, die sich im Schutzraum der evangelischen Kirche versammelten, sowie Friedensgebete und die daraus hervorgehenden Montagsdemonstrationen in Leipzig. Die Demonstrierenden forderten unter anderem Reisefreiheit, demokratische Reformen und freie Wahlen. Hier kann vertiefend nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Kirche gefragt werden. Die Lernenden können untersuchen, weshalb kirchliche Räume für oppositionelle Gruppen wichtig wurden und welche Bedeutung Gebet, Gemeinschaft, Hoffnung und Gewaltlosigkeit für gesellschaftliche Veränderungsprozesse besitzen können. Daraus lassen sich grundsätzliche Fragen entwickeln: Soll Kirche politisch handeln? Wann muss sie öffentlich Stellung beziehen? Welche Verantwortung trägt christlicher Glaube gegenüber Unrecht? Welche Möglichkeiten besitzt gewaltloser Widerstand? Eine Gruppenarbeit kann unterschiedliche Perspektiven auf diese Fragen sammeln und anschließend in einer Diskussion oder einem Schreibgespräch zusammenführen.
Auch die auf Seite 6 enthaltenen Fotografien der Montagsdemonstrationen, der symbolischen Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich sowie der Flüchtlinge an der westdeutschen Botschaft in Prag eignen sich für einen methodischen Perspektivwechsel. Lernende können jeweils die Perspektive einer beteiligten Person übernehmen und Gedanken, Ängste, Hoffnungen und mögliche Handlungsmotive formulieren. Dadurch wird die historische Ebene mit existenziellen Fragen verbunden, ohne die konkreten Erfahrungen der damaligen Menschen zu vereinnahmen.
Arbeitsblatt 5 ermöglicht schließlich eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Mauerfall zwangsläufig zur deutschen Wiedervereinigung führen musste. Die unterschiedlichen Demonstrationsparolen verdeutlichen, dass Ende 1989 verschiedene Vorstellungen von der Zukunft der DDR miteinander konkurrierten. 4898a_falter_mauerfall_online Die Lernenden können die Aussagen ordnen, miteinander vergleichen und auf dahinterliegende Werte und Gesellschaftsvorstellungen untersuchen. Dadurch wird vermieden, Geschichte ausschließlich vom bekannten Ergebnis her zu betrachten. Die anschließende Karikaturanalyse und die Beschäftigung mit den freien Wahlen vom März 1990 fördern die Fähigkeit, historische Positionen wahrzunehmen, Argumente abzuwägen und begründete Urteile zu entwickeln.
Für eine abschließende Sicherung bietet sich eine Leitfrage wie „Was braucht der Mensch, um frei zu sein?“ oder „Welche Verantwortung haben Menschen und Kirchen gegenüber Unrecht?“ an. Die Lernenden können Erkenntnisse aus den einzelnen Arbeitsblättern diesen Fragen zuordnen und dabei historische, ethische und religiöse Perspektiven miteinander verbinden. Denkbar sind ein Schreibgespräch, eine Positionslinie, eine strukturierte Diskussion, ein Lernplakat oder ein persönlicher Reflexionstext. Der auf der Rückseite des Mediums enthaltene Zeitstrahl zur Geschichte der DDR kann während der gesamten Unterrichtssequenz zur zeitlichen Orientierung eingesetzt werden. Das Medium eignet sich damit sowohl für Einzelarbeit und Partnerarbeit als auch für Gruppenarbeit, Bildanalyse, Quellenarbeit, Kartenarbeit, Recherche, ethische Fallanalyse, Diskussion und Urteilsbildung.