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Wo ist Gott?

Veröffentlichung:1.2.2022

Das Heft Religionsunterricht heute 02/2022 steht unter dem Leitmotiv „Wo ist Gott?“ und greift eine der grundlegendsten und zugleich schwierigsten Fragen des Religionsunterrichts in einer säkular geprägten Gegenwart auf. Es richtet sich an Religionslehrkräfte und versteht sich als theologisch fundierte, religionspädagogisch reflektierte und praxisnahe Hilfe, um die Gottesfrage heute neu, offen und dialogisch zu thematisieren


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Ausgangspunkt des Heftes ist die Diagnose einer tiefgreifenden Gotteskrise: Gott scheint aus dem öffentlichen Diskurs wie aus vielen persönlichen Lebensdeutungen verschwunden zu sein – oft ohne als Verlust empfunden zu werden. Das Editorial macht deutlich, dass diese Situation nicht einfach als Religionslosigkeit zu beschreiben ist, sondern vielmehr von einer pluralen, subjektiven und erlebnisbezogenen Spiritualität geprägt ist. Die Frage „Wo ist Gott?“ wird damit nicht nur zur Anfrage an die Gesellschaft, sondern auch zur selbstkritischen Anfrage an kirchliche Gottesrede und religiöse Bildung. Religionsunterricht wird als zentraler Ort verstanden, an dem diese Frage neu gestellt und gemeinsam reflektiert werden kann.

Den Problemaufriss entfaltet Ludger Verst, der zeigt, wie sich religiöse Orientierung heute zunehmend von kirchlichen Vorgaben löst und individuell formiert. Gottesvorstellungen werden subjektiv zusammengesetzt, religiöse Sprache wird fragmentarisch, und klassische theistische Bilder verlieren an Plausibilität. Vor diesem Hintergrund plädiert Verst für eine Gottesrede, die Ambivalenzen aushält, die „Gotteskrise“ nicht verdrängt und sich der Herausforderung negativer Theologie stellt: Gott entzieht sich eindeutigen Bildern und Verfügbarkeiten und kann gerade darin neu gesucht werden.

Die biblische Vertiefung erfolgt im Beitrag von Johannes Bremer, der die Psalmen als Schule der Gottsuche erschließt. Anhand ausgewählter Texte, insbesondere Psalm 63 und Psalm 22, wird deutlich, dass die Suche nach Gott, die Erfahrung seiner Ferne und die Klage über sein Schweigen zum innersten Kern biblischen Betens gehören. Gottsuche ist kein Zeichen schwachen Glaubens, sondern konstitutiv für eine lebendige Gottesbeziehung. Aus der existenziellen Klage kann, ohne billige Auflösung, neue Gottesgewissheit erwachsen. Diese Dynamik macht die Psalmen besonders geeignet für den Religionsunterricht, da sie Zweifel, Angst und Hoffnung gleichermaßen sprachfähig machen.

Karl Matthias Schmidt eröffnet mit der Areopag-Rede des Paulus (Apg 17) einen weiteren Zugang zur Gottesfrage. Er zeigt, wie Paulus im Gespräch mit einer pluralen, philosophisch geprägten Öffentlichkeit Gott nicht in Bildern oder Tempeln verortet, sondern im Staunen über die Schöpfung, im Denken und im Leben selbst. Gott wird als der vorgestellt, „in dem wir leben, uns bewegen und sind“. Die Rede vom „Tasten nach Gott“ macht deutlich, dass Gotteserkenntnis fragmentarisch bleibt, aber dennoch möglich ist. Dieser Ansatz bietet wichtige Anknüpfungspunkte für einen dialogischen Religionsunterricht im Kontext säkularer Weltdeutungen.

Systematisch vertieft Alexander Loichinger die Frage nach Gott in der säkularen Moderne. Er beschreibt die Situation als Entscheidungssituation zwischen säkularer und religiöser Option, ohne einfache Rückkehr zu vormodernen Gewissheiten. Daniel Rothe knüpft daran an und reflektiert die Bedeutung metaphorischer Gottesrede. Da Gott nicht objektiv verfügbar ist, kann nur in Bildern, Analogien und Symbolen von ihm gesprochen werden. Diese Redeweise ist keine Schwäche, sondern Ausdruck eines reflektierten Umgangs mit Transzendenz.

Einen bewusst provozierenden Akzent setzt Jan Loffeld mit der Rede vom „nutzlosen Gott“. Er argumentiert, dass Gott in einer funktionalisierten Gesellschaft gerade dort neu entdeckt werden kann, wo er nicht als Problemlöser oder Sinnlieferant instrumentalisiert wird. Ein „nutzloser“ Gott eröffnet einen Raum zweckfreier Beziehung und Freundschaft und fordert die Kirche heraus, ihre Selbstverständlichkeiten zu überdenken.

Hermann-Josef Wagener ergänzt diese theologischen Zugänge durch eine entwicklungspsychologische Perspektive. Er zeigt, dass Gottesbilder und Gottesbeziehungen sich im Laufe der persönlichen Entwicklung verändern und reifen. Für Religionslehrkräfte bietet dieses Modell wichtige Orientierung, um Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen religiösen Entwicklungsphasen angemessen zu begleiten.

Der Praxisteil des Heftes liefert konkrete Anregungen für den Unterricht. Vorgestellt werden unter anderem eine neue Lektüre Nietzsches im Blick auf die Gottesfrage, eine filmische Unterrichtsidee zum Reden über Gott im Alltag, eine Textarbeit zu Psalm 22 sowie didaktische Überlegungen zur Behandlung von Gottesbeweisen in der Oberstufe. Diese Materialien zielen nicht auf fertige Antworten, sondern auf die Förderung von Sprachfähigkeit, Reflexion und persönlicher Positionierung.

Insgesamt bietet das Heft eine vielschichtige, anspruchsvolle und zugleich praxisnahe Auseinandersetzung mit der Frage „Wo ist Gott?“. Es ermutigt Religionslehrkräfte, die Gottesfrage nicht vorschnell zu beantworten, sondern sie als offenen Suchprozess zu gestalten, der Zweifel, Klage, Denken und Hoffnung ernst nimmt und Schülerinnen und Schülern einen reflektierten Zugang zur Gottesrede in der Gegenwart eröffnet.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E2 Gotteswort im Menschenwort – Themen der Bibel und ihre Aneignung

E2.4 Dem Ganzen der Wirklichkeit begegnen – an Gott glauben.

Sekundarstufe II | Q2 Gott – verborgen und offenbar

Q2.1 Gottesrede – angemessen von Gott sprechen.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.1 Fragen und suchen: Existiert Gott?.

Beispielhafte Lernsequenzen

  • Wie Menschen sich Gott vorstellen: Alltagsweltliche Gottesbilder und Vorstellungen
  • Wie sich Gottesbilder und Gottesvorstellungen im Verlauf der Lebensgeschichte wandeln
  • An welchen Gott glauben Christen, wenn sie bekennen „Ich glaube an Gott“

Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 7. Allgemeine Gottesidee, philosophischer Gottesbegriff und personales Gottesbild.

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