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Den Papst sehen

Veröffentlichung:1.1.2011

Der Fachartikel „Den Papst sehen. Eine ikonologische Wanderung zu ausgewählten Papstbildern aus drei Jahrhunderten“ von Iris Gniosdorsch ist im Heft ru-heute erschienen und umfasst etwa 4 Seiten (S. 78–81).

Der Artikel untersucht anhand von Papstporträts aus verschiedenen Jahrhunderten, wie Kunst das Verständnis von Macht, Menschsein und Glauben widerspiegelt. Analysiert werden Bilder von Raffael, Velasquez und Francis Bacon. Der Beitrag behandelt dabei theologische Probleme wie die Spannung zwischen geistlichem Amt und weltlicher Macht, die Frage nach authentischer Christusnachfolge sowie die anthropologische Verletzlichkeit des Menschen.

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Der Artikel untersucht anhand ausgewählter Papstporträts aus drei Jahrhunderten, wie Kunst den Papst und damit auch das Verständnis von Macht, Glauben und Menschsein darstellt. Ausgangspunkt ist die Frage, was Betrachter sehen, wenn sie ein Bild des Papstes betrachten. Einerseits erkennen sie eine konkrete historische Person, andererseits steht der Papst zugleich für das Amt und für die katholische Kirche.

Zu Beginn wird der kunstgeschichtliche Hintergrund erläutert. Im Mittelalter galt die sinnliche Wahrnehmung als unzuverlässig, weshalb Kunst vor allem symbolische Zeichen nutzte, um auf eine unsichtbare göttliche Wirklichkeit zu verweisen. Mit der Renaissance veränderte sich dieses Verständnis. Die Entwicklung der Zentralperspektive ermöglichte eine mathematisch geordnete Darstellung der sichtbaren Welt. Dadurch trat das betrachtende Subjekt stärker in den Mittelpunkt. Der Blick des Menschen konnte die Welt ordnen und kontrollieren. Diese Veränderung beeinflusste auch die Porträtkunst und damit die Darstellung von Päpsten.

Ein erstes Beispiel ist das Porträt von Papst Julius II von Raffael. Der Papst wird in kostbaren Gewändern auf einem Stuhl dargestellt. Obwohl Julius II historisch als machtbewusster und oft brutaler Herrscher galt, zeigt das Bild einen erschöpften und in sich gekehrten alten Mann. Sein Blick hat kein Gegenüber und vermeidet den Kontakt mit dem Betrachter. Die Darstellung macht deutlich, dass der Papst in sich selbst gefangen wirkt. Diese Selbstbezogenheit wird im christlichen Denken kritisch gesehen, da sie eine Form falscher Machtausübung darstellen kann.

Auch das zweite Bild Raffaels mit Papst Leo X zeigt eine komplexe Situation. Leo X sitzt an einem Tisch mit einer kostbaren Bibel, doch sein Blick richtet sich nicht auf das Buch. Stattdessen wirkt er misstrauisch und nach innen gekehrt. Neben ihm stehen zwei Kardinäle. Besonders der Blick eines jungen Kardinals richtet sich auf den Betrachter und öffnet damit eine alternative Perspektive auf das Geschehen. Während die beiden mächtigen Kirchenführer eher selbstbezogen erscheinen, kann der Blick des Mönchs als Hinweis auf ein ernsthaft gelebtes christliches Leben verstanden werden. Damit entsteht ein kritischer Kommentar zur Verbindung von kirchlicher Macht und persönlicher Frömmigkeit.

Ein weiteres Beispiel ist das Porträt von Papst Innozenz X von Diego Velasquez. Hier blickt der Papst den Betrachter direkt an. Sein Blick wirkt prüfend und strategisch. Der Hintergrund vermeidet jede räumliche Tiefe, wodurch der Papst als isolierte Figur erscheint. Diese Darstellung wirft die Frage auf, ob eine solche machtorientierte Persönlichkeit tatsächlich Vorbild christlicher Nachfolge sein kann und ob sie den Anspruch erfüllen kann, als Erster unter Gleichen zu handeln.

Im 20. Jahrhundert greift Francis Bacon dieses Bildmotiv mehrfach auf und verändert es radikal. In seiner Darstellung eines schreienden Papstes wird die Figur von Linien eingeschlossen, die wie ein Käfig wirken. Der Papst erscheint isoliert und verzweifelt. Die Macht verwandelt sich hier in ein Gefängnis. Die geometrischen Strukturen, die in der Renaissance noch Ordnung und Kontrolle versprachen, erscheinen nun als Ausdruck von Gefangenheit und existenzieller Angst.

In späteren Varianten verändert Bacon das Bild weiter. Die Hände des Papstes erscheinen verstümmelt und unfähig zu handeln. Der Blick verliert seine Macht. Statt eines souveränen Herrschers erscheint ein leidender Mensch. Dadurch wird die Figur des Papstes mit dem Motiv des Schmerzensmannes verbunden. Die Darstellung verweist darauf, dass hinter der Maske der Macht ein verletzlicher Mensch steht.

Am Ende zeigt eine späte Version Bacons einen Papst, der eine zerstörte Maske vom Gesicht zieht. Diese Szene symbolisiert die Enthüllung des menschlichen Kerns hinter der Macht. Der Mensch erscheint verletzlich, fehlbar und zugleich auf Erlösung angewiesen. Damit verbindet der Artikel kunsthistorische Analyse mit theologischen Fragen nach Schuld, Erlösung und der Hoffnung auf einen barmherzigen Gott.

Der Beitrag zeigt insgesamt, dass Papstporträts nicht nur historische Bilder sind, sondern Deutungen von Macht, Glauben und Menschlichkeit. Kunst kann dabei helfen, die Spannung zwischen kirchlichem Amt und menschlicher Realität sichtbar zu machen und Lernende zu einem kritischen und reflektierten Blick auf religiöse Bilder anzuregen.

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