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Eulenfisch

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Sind Märtyrer Helden?

Veröffentlichung:1.1.2015

Der Fachartikel „Sind Märtyrer Helden?“ von Pater Klaus Mertes ist im Heft ru-heute im Themenblock „Rückkehr der Helden?“ auf den Seiten 43–47 erschienen. Der Autor setzt sich mit der Frage auseinander, ob Märtyrer als Helden bezeichnet werden können und wie sich christliches Martyrium von heroischen oder militärischen Opferidealen unterscheidet. Dabei behandelt der Artikel zentrale theologische Probleme, etwa das Verhältnis von Martyrium und Gewalt, die Bedeutung von Zeugenschaft, die Rolle von Auferstehungshoffnung sowie den Gedanken der Sühne und Stellvertretung. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Abgrenzung des christlichen Märtyrerbegriffs gegenüber Suizidattentätern und militärischem Heldentum.

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Der Artikel untersucht den Unterschied zwischen Märtyrern und Helden und fragt, ob beide Begriffe miteinander gleichgesetzt werden können. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass beide Begriffe im alltäglichen Sprachgebrauch oft miteinander vermischt werden, besonders in militärischen oder politischen Kontexten. Der Autor zeigt jedoch, dass aus christlicher Perspektive eine klare Unterscheidung notwendig ist.

Zunächst wird betont, dass Märtyrer nicht töten, sondern getötet werden. Die Verantwortung für ihren Tod liegt bei den Tätern. Märtyrer sterben nicht durch eigene Hand und suchen ihren Tod auch nicht bewusst. Sie können zwar wissen, dass ihr Handeln lebensgefährlich ist, doch ihr Ziel ist nicht der Tod, sondern die Treue zu einer moralischen oder religiösen Überzeugung. Als Beispiel werden Mitglieder der Weißen Rose genannt, die mit ihren Flugblättern gegen das NS Regime protestierten und dadurch ihr Leben riskierten. Sie tragen jedoch nicht die Verantwortung für ihre Hinrichtung. Das Martyrium bedeutet deshalb vor allem Zeugenschaft für Wahrheit und Gerechtigkeit.

Auch das Martyrium Jesu wird in diesem Sinn verstanden. Jesus ist nicht verantwortlich für seinen Tod und Gott verlangt dieses Opfer nicht als Bedingung für Erlösung. Vielmehr geben menschliche Mächte den Tötungsbeschluss. Der Tod Jesu erhält erst durch Gottes Liebe und durch die Interpretation der Glaubenden einen Sinn.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die innere Haltung des Märtyrers. Märtyrer wollen nicht sterben, sondern bleiben einem höheren moralischen Anspruch treu. Ihr Ja gilt dem Guten und nicht dem Tod. Dieses Ja kann auch als Treue zu sich selbst verstanden werden. Das Martyrium verbindet Nächstenliebe und Selbstliebe. Das Beispiel des Pädagogen Janusz Korczak zeigt dies deutlich. Er hätte sich retten können, entschied sich aber, bei den ihm anvertrauten Waisenkindern zu bleiben und mit ihnen in das Vernichtungslager zu gehen. Sein Verhalten ist sowohl Ausdruck der Solidarität mit den Kindern als auch Treue zu seiner eigenen Überzeugung.

Der Artikel kritisiert außerdem Vorstellungen, die Märtyrer als heroische Figuren darstellen. In der Bibel erscheinen Märtyrer oft nicht als bewunderte Helden, sondern als leidende Gerechte. Sie werden missverstanden, verspottet oder verlassen. Die Hoffnung auf Auferstehung entsteht im Judentum aus der Erfahrung, dass Gerechte leiden und sterben, obwohl sie Gott treu bleiben. Die Auferstehung ist deshalb kein kalkulierter Lohn für ein Opfer, sondern Ausdruck des Vertrauens in Gottes Gerechtigkeit. Wer das Martyrium eingeht, um dafür belohnt zu werden, folgt nicht der Logik der Liebe, sondern einer Berechnung.

Ein weiterer theologischer Gedanke ist die Vorstellung der Sühne. Märtyrer sterben nicht nur für ihre eigenen Überzeugungen, sondern auch stellvertretend für andere Menschen oder für eine Gemeinschaft. In biblischen Texten wird davon gesprochen, dass Märtyrer Sünden sühnen. Dabei verstehen sie sich selbst nicht als vollkommen Gerechte, sondern als Menschen, die zu einer Gemeinschaft gehören und deren Schuld mittragen. Auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus wird dieser Gedanke sichtbar, wenn Menschen ihr Leben riskieren, um die Ehre ihres Volkes zu retten.

Der Artikel zeigt außerdem, dass Märtyrer für Gemeinschaften oft eine kritische Bedeutung haben. Während Helden häufig zur Identifikation und zum Stolz einer Nation beitragen, erinnern Märtyrer eine Gemeinschaft eher an ihre moralischen Versäumnisse. Ihr Zeugnis wirkt wie ein Spiegel, der zur Selbstkritik zwingt.

Ein wichtiger Teil des Textes beschäftigt sich mit der Frage, ob Soldaten als Märtyrer bezeichnet werden können. Der Autor argumentiert, dass dies problematisch ist. Zum Soldatenberuf gehört das Töten von Gegnern. Selbst wenn Soldaten ihr Leben riskieren oder opfern, geschieht dies im Kontext von Gewalt. Beim christlichen Martyrium dagegen wird Gewalt nicht ausgeübt, sondern erlitten. Der Märtyrer will niemanden töten. Deshalb sollte der Tod Jesu nicht mit soldatischem Opfer gleichgesetzt werden.

Zum Schluss behandelt der Artikel die heutige Herausforderung durch den Gebrauch des Märtyrerbegriffs im Zusammenhang mit islamistischen Selbstmordattentaten. Der Autor kritisiert, dass hier Suizid und Tötung miteinander verbunden werden und mit der Erwartung eines himmlischen Lohns gerechtfertigt werden. Diese Vorstellung unterscheidet sich grundlegend vom christlichen Verständnis des Martyriums, das Gewaltlosigkeit, Zeugenschaft und Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit betont.

Insgesamt zeigt der Artikel, dass Märtyrer im christlichen Sinn keine heroischen Kämpfer sind. Sie sind Menschen, die aus Liebe zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und zu anderen Menschen an ihren Überzeugungen festhalten, auch wenn sie dafür leiden oder sterben müssen.

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