Asfa Wossen Asserate setzt sich in seinem Beitrag kritisch mit gegenwärtigen Debatten über Rassismus, Antirassismus und Identitätspolitik auseinander. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Rassismus heute häufig nicht nur als bewusstes diskriminierendes Verhalten verstanden wird, sondern auch als tief in Sprache, Kultur und gesellschaftlichen Strukturen verankertes Muster. Der Autor greift Positionen auf, die von Mikroaggressionen, systemischem Rassismus und weißer Vorherrschaft sprechen. Er fragt jedoch, ob eine immer weitere Ausdehnung des Rassismusbegriffs hilfreich ist. Aus seiner Sicht droht die Unterscheidung zwischen Unwissen, Unsensibilität und echter Bösartigkeit verloren zu gehen.
Ausführlich beschäftigt er sich mit psychologischen Tests zu unbewussten Vorurteilen. Dabei verweist er auf den Impliziten Assoziationstest, der zeigen soll, dass viele Menschen unbewusst Weiße gegenüber Schwarzen bevorzugen. Asserate bezweifelt allerdings, dass solche Testergebnisse automatisch auf rassistisches Handeln schließen lassen. Für ihn beweisen solche Reaktionsmuster noch nicht, dass Menschen bewusst rassistisch denken oder handeln. Deshalb hält er es für problematisch, wenn große Teile der Gesellschaft allein aufgrund solcher Befunde pauschal als rassistisch gelten.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die Kritik an Formen identitätspolitischer Zuspitzung. Der Autor beschreibt Positionen, die die Mehrheitsgesellschaft grundsätzlich als privilegiert und moralisch verdächtig ansehen, während sich marginalisierte Gruppen aus ihrer persönlichen Betroffenheit eine moralische Autorität ableiten. Er sieht darin eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer weiße Menschen grundsätzlich als Teil eines Unterdrückungssystems beschreibe, fördere keine Verständigung, sondern vertiefe Gräben. Besonders kritisch beurteilt er die Vorstellung, dass Zugehörigkeit zu einer Minderheit automatisch einen moralischen Vorrang in Debatten verleihe.
Demgegenüber betont Asserate die Notwendigkeit gemeinsamer Regeln und verbindlicher Werte für alle. Er stellt heraus, dass Deutschland ein offenes und einwanderungsfreundliches Land sei, dass Zusammenleben in Vielfalt aber nur gelingen könne, wenn sich alle zur Demokratie, zum Rechtsstaat und zu den Grundrechten bekennen. Maßgeblich ist für ihn die im Grundgesetz verankerte Unantastbarkeit der Menschenwürde. Diese gelte unabhängig von Herkunft, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht. Zugleich fordert er, Konflikte offen anzusprechen. Probleme dürften weder aus Angst vor dem Vorwurf des Rassismus verschwiegen noch pauschal bestimmten Gruppen zugeschrieben werden.
Der Autor thematisiert auch Racial Profiling und andere Formen tatsächlicher Diskriminierung gegenüber Schwarzen Menschen. Er erkennt an, dass es Übergriffe und Vorurteile gibt, die benannt und bekämpft werden müssen. Gleichzeitig wendet er sich gegen Verallgemeinerungen, etwa gegen pauschale Verurteilungen der Polizei. Wer ganze Berufsgruppen oder gesellschaftliche Gruppen kollektiv abwerte, reproduziere selbst ein Denken in feindlichen Lagern.
Ein großer Teil des Artikels befasst sich mit Sprache. Asserate beschreibt, wie bestimmte Begriffe heute schnell als rassistisch gelten und wie daraus moralische Ausgrenzung entstehen kann. Er kritisiert, dass das Zitieren historisch belasteter Begriffe bereits ausreiche, um Personen öffentlich zu diskreditieren. In diesem Zusammenhang warnt er davor, historische Texte, Kinderbücher, Kunstwerke oder Opernwerke vorschnell umzuschreiben oder zu tilgen. Für ihn ist es wichtiger, historische Kontexte zu erklären, als problematische Zeugnisse der Vergangenheit einfach zu entfernen. Lernende und Erwachsene sollten befähigt werden, kulturelle Werke kritisch einzuordnen.
Daran schließt sich seine Auseinandersetzung mit Denkmalstürzen und Umbenennungen an. Der Autor bestreitet nicht, dass Kolonialgeschichte und rassistische Traditionen öffentlich diskutiert werden müssen. Er hält es aber für fraglich, ob das bloße Entfernen von Denkmälern, Namen und Symbolen tatsächlich zu einer tieferen Aufarbeitung führt. Besonders ausführlich bespricht er die Debatten um den Begriff Mohr in Straßennamen, Apothekennamen und Stadtwappen. Dabei plädiert er für einen differenzierten Umgang mit Geschichte. Das Beispiel des Coburger Mohren zeigt für ihn, dass historische Symbole nicht einfach pauschal als rassistisch verstanden werden können, weil ihre Bedeutung aus ihrer jeweiligen Entstehungsgeschichte heraus gelesen werden muss.
Auch die Debatte um Blackfacing beurteilt Asserate differenziert. Er verweist auf die rassistische Geschichte dieser Praxis in den Vereinigten Staaten, wo sie eng mit Minstrel Shows und der Tradition der Herabsetzung Schwarzer verbunden sei. Zugleich betont er, dass der deutsche Kontext davon zu unterscheiden sei. Als Beispiel nennt er die Sternsinger Tradition, in der die Darstellung eines Schwarzen Königs eine andere religiöse und kulturelle Bedeutung habe. Damit argumentiert er grundsätzlich für eine kontextbezogene Bewertung statt für vorschnelle moralische Urteile.
Zum Schluss fordert der Autor konstruktive Debatten und konkretes gesellschaftliches Handeln. Er möchte die Aufmerksamkeit weg von symbolischen und oft spalterischen Auseinandersetzungen über Begriffe lenken und hin zu Fragen wirklicher Teilhabe. Entscheidend sei, dass Schwarze Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte in Bildung, Verwaltung, Polizei, Politik und Wirtschaft selbstverständlich präsent sind. Darüber hinaus weitet er den Blick auf Europa und Afrika. Er fordert eine gerechte Asylpolitik, bessere Lebensbedingungen für Geflüchtete und Migranten, faire Handelsbeziehungen, wirksame Unterstützung für die Entwicklung Afrikas und eine partnerschaftliche Begegnung auf Augenhöhe. Insgesamt plädiert der Artikel für einen Antirassismus, der verbindet statt zu spalten, der differenziert urteilt und der auf konkrete Verbesserungen im Zusammenleben zielt.