Der Artikel untersucht, wie koloniale Denkweisen durch Bilder und Vorstellungen über andere Kulturen entstanden sind und bis heute wirken. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass europäische Philosophen und Denker fremde Kulturen häufig in vereinfachten und abwertenden Bildern beschrieben haben. Ein Beispiel dafür ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in seinen Vorlesungen über die Geschichte Afrikaner und Inder als unzivilisiert oder irrational darstellte. Solche Darstellungen waren keine neutralen Beschreibungen, sondern dienten dazu, europäische Überlegenheit zu behaupten. In der Rassismusforschung wird dieser Mechanismus als Othering bezeichnet. Dabei wird eine Gruppe als Norm gesetzt und andere Gruppen werden als abweichend und minderwertig dargestellt.
Diese kolonialen Bilder hatten tiefgreifende Folgen. Menschen aus kolonisierten Kulturen wurden nicht nur politisch unterworfen, sondern auch in ihrer Selbstwahrnehmung geprägt. Viele entwickelten Strategien, um mit dieser Situation umzugehen. Einige identifizierten sich mit den negativen Bildern und entwickelten Selbstzweifel oder Selbsthass. Andere versuchten sich vollständig an die Kultur der Kolonisatoren anzupassen. Ein Beispiel dafür ist der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o, der zunächst auf Englisch schrieb, weil seine eigene Sprache als rückständig galt. Später entwickelte er jedoch die Idee der Dekolonisierung des Denkens. Darunter versteht er die Rückgewinnung der Kontrolle über die eigene Sprache, Geschichte und kulturelle Selbstbeschreibung.
Der Artikel zeigt anschließend, wie diese Idee literarisch im Roman Identitti umgesetzt wird. Die Hauptfigur Nivedita Anand wächst in Deutschland als Tochter eines indischen Vaters auf und sucht nach einer eigenen Identität. Zunächst orientiert sie sich an stereotypen Vorstellungen darüber, wie eine indische Frau sein soll. Diese Rolle orientiert sich an der hinduistischen Figur Sita, die für Gehorsam und traditionelle Weiblichkeit steht. Nivedita merkt jedoch, dass dieses Rollenbild ihre persönliche Entwicklung einschränkt.
Daraufhin wendet sie sich einer anderen religiösen Figur zu, der Göttin Kali. Kali steht für Stärke, Widerspruch und Unabhängigkeit. Im Roman führt Nivedita imaginäre Gespräche mit dieser Göttin und entwickelt dadurch ein neues Selbstverständnis. Kali wird zu einem Symbol für Widerstand gegen rassistische und koloniale Denkweisen. Gleichzeitig verbindet Nivedita diese religiöse Symbolik mit wissenschaftlichen Perspektiven aus den Postcolonial Studies. In einem Seminar über sogenannte Kali studies lernt sie, koloniale Bilder kritisch zu hinterfragen.
Kali verkörpert im Roman eine radikale Gegenfigur zu traditionellen europäischen Gottesbildern. Während der christliche Gott häufig als Garant von Ordnung verstanden wird, symbolisiert Kali Zerstörung bestehender Ordnungen. Diese Zerstörung ist jedoch nicht nur negativ, sondern ermöglicht neue Perspektiven. Durch diese Figur werden festgelegte Hierarchien und Bewertungen infrage gestellt. Auch kulturelle Gegensätze wie schwarz und weiß oder göttlich und teuflisch verlieren ihre eindeutige Bedeutung.
Der Artikel betont außerdem, dass Kali eine ambivalente Figur ist. In der europäischen Wahrnehmung wurde sie oft als grausame oder gefährliche Göttin dargestellt. In der indischen Religionsgeschichte erscheint sie jedoch auch als mütterliche Schutzgöttin und als Symbol der Befreiung von der Angst vor dem Tod. Diese Mehrdeutigkeit beschreibt Mithu Sanyal als kulturelles Flimmern. Damit ist gemeint, dass kulturelle Bedeutungen nicht eindeutig festgelegt sind, sondern sich verändern können.
Auch die Identität der Romanfigur Nivedita ist von solcher Mehrdeutigkeit geprägt. Sie lebt zwischen verschiedenen kulturellen Hintergründen und lässt sich nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen. Der Roman zeigt deshalb Identität als ein offenes Spektrum. Identität entsteht durch Geschichten, Erfahrungen und soziale Zuschreibungen. Deshalb spricht Nivedita davon, dass race gemacht wird und nicht einfach gegeben ist.
Ein wichtiger Gedanke des Artikels ist außerdem die Verbindung von Dekolonisierung und Liebe. In einer Szene wird erklärt, dass wahre Veränderung darin besteht, Menschen trotz ihrer Widersprüche anzunehmen. Diese Haltung beschreibt Saraswati als Liebe als revolutionären Akt. Die Fähigkeit, andere Menschen in ihrer Vielschichtigkeit zu akzeptieren, widerspricht kolonialen Denkweisen, die Menschen auf starre Bilder reduzieren.
Der Artikel endet mit einem theologischen Gedanken. Religion kann ein Raum sein, in dem Ambiguität und Mehrdeutigkeit akzeptiert werden. Religiöse Traditionen enthalten selbst kritische Impulse gegen feste Bilder von Menschen. Ein Beispiel dafür ist das biblische Gebot, sich kein Bildnis zu machen. Dieses Gebot kann als Aufforderung verstanden werden, Menschen nicht auf stereotype Vorstellungen festzulegen. In diesem Sinn wird die Dekolonisierung der Seele zu einer religiösen und ethischen Aufgabe. Sie bedeutet, Menschen in ihrer Vielfalt wahrzunehmen und ihnen Entwicklung und Veränderung zuzugestehen.