Dabei zeigt sich, dass Klassenzugehörigkeit heute nicht mehr nur ökonomisch, sondern auch kulturell und symbolisch bestimmt wird. Klassismus, also die Abwertung aufgrund sozialer Herkunft, tritt immer offener zutage. Menschen mit „nicht-akademischem“ Hintergrund oder aus der sogenannten service class erleben mangelnde Anerkennung, obwohl sie für das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind – besonders deutlich wurde das während der Corona-Pandemie.
Das Interview geht auch auf die sich wandelnden Eliten ein: Die neue Oberklasse definiert sich weniger über Statussymbole als über körperliches und psychisches Wohlbefinden – unterstützt durch teure Coachings, Kurse und Privilegien, die jedoch nicht allen offenstehen. Äußerlich mögen sich Klassengrenzen verwischen (Tattoos, Jogginghosen in der Chefetage), aber die Unterschiede im Zugang zu Bildung, Kultur und sozialer Sicherheit bleiben tiefgreifend.
Reckwitz sieht in dieser Entwicklung ein demokratisches Legitimationsproblem, vor allem dann, wenn Reichtum auf Erbschaft oder Finanzgewinnen basiert statt auf eigener Leistung. Die gesellschaftliche Balance ist gefährdet – und mit ihr die Idee vom sozialen Aufstieg als erreichbarem Ziel für alle.
Implikationen für den Religionsunterricht:
Dieses Interview eröffnet im Religionsunterricht zentrale ethische Fragestellungen rund um Gerechtigkeit, Würde, Anerkennung und Solidarität. Die Schüler:innen können reflektieren, wie sich soziale Ungleichheiten in unserer Gesellschaft manifestieren – und inwiefern dies mit religiösen Vorstellungen von Nächstenliebe, Gerechtigkeit (z. B. Amos, Jesaja) und gesellschaftlicher Verantwortung kollidiert.
Fragen könnten sein:
Was ist „Würde“ in einer Klassengesellschaft?
Was bedeutet Gerechtigkeit: gleiche Chancen oder gleiche Anerkennung?
Wie gehen wir mit Menschen um, die uns „unter“ oder „überlegen“ erscheinen?
Was bedeutet „Dienst“ im christlichen Sinn – und wie steht das zum Umgang mit Serviceberufen heute?
Der Unterricht kann auch interdisziplinär angelegt werden – z. B. mit Bezug zu Wirtschaft, Sozialkunde oder Ethik. Ziel ist, ein Bewusstsein für strukturelle Ungleichheit zu schärfen und zur Entwicklung einer empathischen, verantwortungsvollen Haltung gegenüber Benachteiligten beizutragen – und damit zu einem solidarischeren Miteinander.