Stefan Scholz setzt bei der Erfahrung an, dass Museen für viele Schülerinnen und Schüler zunächst wenig attraktiv erscheinen. Gleichzeitig betont er das große Potential ästhetischer Bildung. Wer sich auf Bilder einlässt, schärft seine Sinne, lernt kritisch zu fragen und reflektiert die eigene Wahrnehmung. Bilder beeinflussen das Selbstbild des Menschen, sie transportieren Botschaften und können manipulieren. Gerade religiöse Bilder, die ursprünglich für Andacht, Liturgie oder Machtrepräsentation geschaffen wurden, wirken bis heute in das Denken und Empfinden hinein. Im Museum verlieren sie ihre unmittelbare kultische Funktion und können auf neutralem Boden neu befragt werden. Ihre Fremdheit wird zur Chance, sich unbefangener mit ihren Inhalten auseinanderzusetzen.
Anhand von drei Beispielen aus dem 15. Jahrhundert entfaltet Scholz zentrale Glaubensthemen. Das erste Beispiel ist das Paradiesgärtlein eines oberrheinischen Meisters im Städel Museum. Das kleine Bild zeigt Maria und mehrere Heilige in einem ummauerten Garten. Paradies bedeutet ursprünglich ummauerter Garten, ein geschützter Raum. Innerhalb dieser Mauern ist das Böse gebannt. Zu Füßen der Heiligen erscheinen ein winziger Drache und ein angeketteter Affe als Symbole des Bösen und der Versuchung. Was im Leben Angst macht, ist hier entmachtet und geschrumpft. Scholz deutet das Bild im Licht von Søren Kierkegaards Gedanken zur Angst. Der Mensch erfährt seine Freiheit und zugleich seine Begrenztheit. Aus der Möglichkeit alles wählen zu können entsteht Angst. Erlösung geschieht, wenn der Mensch sich im Vertrauen auf Gott seiner Endlichkeit stellt. Das Bild wird so zu einem therapeutischen Bild gegen die Macht der Angst, weil es zeigt, dass das Böse seinen Schrecken verliert in der Geborgenheit Gottes.
Das zweite Beispiel führt zur Darstellung der Dreifaltigkeit von Hans Multscher im Liebieghaus. Die christliche Lehre von Vater Sohn und Heiligem Geist erscheint zunächst abstrakt. Scholz erschließt sie vom Gedanken der Liebe her. Gott ist Liebe. Der Vater liebt den Sohn, der Sohn antwortet in Liebe, und der Heilige Geist ist das Geschehen dieser Liebe. In Multschers Werk hält Gott Vater den toten Sohn, während die Taube als Geist die Verbindung von Leben und Tod überbrückt. Gottes Sprechen ist schöpferisch und wirklichkeitsstiftend. In Jesus spricht Gott sich selbst aus. Selbst im Tod bleibt die Liebe wirksam. Der Mensch wird nicht zum Engel, sondern gehört in die Herzmitte Gottes. Die Darstellung macht deutlich, dass Liebe stärker ist als Gewalt und Tod. So wird die Trinitätslehre als existentielles Bild für die Logik der Liebe verständlich.
Das dritte Beispiel ist eine Darstellung der Geburt Christi von Hans Baldung Grien. Ochs und Esel stehen für ein verborgenes Wissen um die wahre Identität des Kindes. Das neugeborene Jesuskind erscheint zugleich im Licht des kommenden Leidens. Sein Leib wirkt bereits wie der des Gekreuzigten. Die Geburt trägt den Tod in sich. Maria ist die Einzige, die dem Kind wirklich in die Augen blickt und ihm treu bleibt. Scholz reflektiert hier die Würde des Menschen. Sprache kann den Menschen zur Sache machen, doch im Blick der Liebe wird er als Person erkannt. Das Bild zeigt auf den ersten Blick eine vertraute Weihnachtsszene, offenbart aber bei genauerem Hinsehen die ganze Spannung von Menschwerdung, Leid und Erlösung.
Insgesamt macht der Artikel deutlich, dass religiöse Bilder aus vergangenen Jahrhunderten keineswegs veraltet sind. Ihre Fremdheit fordert heraus und eröffnet neue Zugänge zu zentralen theologischen Fragen nach Angst, Bösem, Liebe, Tod, Erlösung und Menschenwürde. Im Museum können Lehrende und Lernende diese Bilder neu entdecken. Vertrautes erscheint fremd, Fremdes wird vertraut, und der Glaube gewinnt durch die ästhetische Auseinandersetzung an Tiefe und Aktualität.