Grümme entwickelt seinen Artikel in vier aufeinander aufbauenden Schritten:
Den Ausgangspunkt bildet die These, dass Anthropologie als Krisenreflexion zu verstehen ist: Immer dann, wenn die überkommene Rede vom Menschen unter Druck gerät, verschärfen sich anthropologische Bemühungen. Aktuelle Provokationen sind Pluralisierung und Virtualisierung von Erfahrungen, Ökonomisierung der Lebenswelten, Naturalisierung des Menschen, Beschleunigung, Transhumanismus und Digitalisierung. Anthropologie ist deshalb nicht leidenschaftslos, sondern hat einen polemischen, emanzipatorischen Charakter. Zugleich ist sie ausdifferenziert: Biologie, Physik, Medizin, Soziologie, Theologie und viele weitere Disziplinen beanspruchen sie als ihr Feld, ohne sich notwendigerweise auf denselben Gegenstand zu beziehen.
Im philosophisch-anthropologischen Teil werden die klassischen Positionen des 20. Jahrhunderts referiert: Schelers „Weltoffenheit" des Menschen, Plessners „exzentrische Positionalität" und Gehlens Konzept des Menschen als Mängelwesen. Alle drei verbinden biologisch-empirische Verankerung mit der Anerkennung einer menschlichen Sonderstellung gegenüber der bloßen Natur. Grümme würdigt diese Ansätze, kritisiert aber auch ihre Grenzen: essentialistische Wesensphilosophie, mangelnde Aufmerksamkeit für Kontingenz, hegemoniale Bedingungsgefüge (poststrukturalistische und postkoloniale Kritik). Kantische Leitfragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?) werden als Schlüssel für den anthropologischen Gesamthorizont benannt.
Den Kern bildet die theologische Anthropologie in acht Dimensionen, alle strukturiert um das Leitmotiv der Gottesebenbildlichkeit (imago Dei): (1) Leib-Geist-Einheit: kein platonischer Dualismus, sondern ganzheitliche Anthropologie aus alttestamentlicher Tradition. (2) Endlichkeit und Geschöpflichkeit: Der Mensch ist von Gott gewollt, individuell angesprochen, zur Stellvertretung Gottes in der Schöpfung berufen; Jesus Christus als das vollendete Menschenbild (2Kor 4,4; Kol 1,15). (3) Identität als Geschenk: nicht selbst erarbeitet, sondern von Gott her vorgegeben – was Gebrochenheit akzeptierbar macht und zur Weitergabe der Liebe befreit. (4) Sozialität: Der Mensch als gemeinschaftlich Existierender; Gottesliebe und Menschenliebe bilden eine Einheit; politische Implikationen. (5) Freiheit: christliches Freiheitsverständnis als zuvorkommendes Befreitsein durch Gott (Gal 5,1) – Freiheit von Angst, von Selbstbemächtigung, aus Schuld. (6) Schuld und Sünde: Unterscheidung von ethischer Schuld und theologischer Sünde; konfessionelle Differenzen (protestantische Radikalisierung vs. katholischer Optimismus); Erbsünde als Verweis auf die Eingebundenheit menschlicher Freiheit in soziale Bedingungszusammenhänge. (7) Rationalität: leiblich strukturierte Vernunft, auf Geschichte und Intersubjektivität angewiesen; der Mensch als „Hörer des Wortes". (8) Religion: Der Mensch als gottbegabtes Wesen, in die trinitarische Liebe hineingenommen; der betende Mensch als anthropologische Grundfigur.
Aktuell wird diese Anthropologie konfrontiert mit der Frage nach Anthropozentrik und ökologischer Verantwortung: Schöpfungstheologie muss eine Balance halten zwischen Einbindung in die Gemeinschaft der Geschöpfe (animal turn, planetarische Solidarität) und der unaufgebbaren Moralfähigkeit des Menschen als verantwortlichem Subjekt.
Religionspädagogisch plädiert Grümme für eine korrelative Konstellation theologischer und humanwissenschaftlicher Anthropologien, ohne dass Theologie normativ über Religionspädagogik verfügt. Die theologische Anthropologie liefert kritisch-prophetische Impulse: gegen Selbstoptimierungswahn (Leiblichkeit), gegen Dementierungen von Freiheit (Freiheitstheologie), für emphatische Bildungstheorie jenseits von Ökonomisierung (Gottesebenbildlichkeit und Bildsamkeit).