Der Artikel geht von der Überlegung Ernst Cassirers aus, dass mythisches Denken nicht an einzelnen Motiven zu erkennen ist, sondern an einer eigenen Grammatik der Welterschließung. Diese unterscheidet sich grundlegend vom modernen naturwissenschaftlichen Denken. Während die Naturwissenschaft Zeit als lineare und homogene Größe und Raum als neutralen, gleichförmigen Bereich versteht, deutet mythisches Denken Zeit in Rhythmen, Zyklen sowie in Anfang und Ende. Auch der Raum ist nicht neutral, sondern mit Werten verbunden. Der Osten steht etwa für Licht und Leben, der Westen eher für Tod, und das Zentrum gilt als Ort der Ordnung, während Chaos an die Ränder verwiesen wird. Der Artikel betont, dass diese Form des Denkens kein Defizit ist. Sie eignet sich zwar nicht für Berechnungen, kann aber existentielle Erfahrungen in Bildern von Raum und Zeit ausdrücken und dadurch religiöse und moralische Orientierung geben.
Anschließend wird das Atram Hasis Epos vorgestellt. Dieses altorientalische Werk erklärt die Entstehung des Menschen aus den Lebensbedingungen der frühen Hochkulturen in den Flusslandschaften Mesopotamiens. Weil die Pflege der Kanäle für das Überleben entscheidend war, entstand die Vorstellung, der Mensch sei geschaffen worden, um Arbeit zu leisten und die Götter zu entlasten. Im Mythos wird der Mensch zunächst als auf Unsterblichkeit hin angelegt gedacht. Erst im Verlauf der Erzählung wird seine Sterblichkeit eingeführt. Dazu kommen weitere Grenzen des Lebens wie Unfruchtbarkeit, Ehelosigkeit und früher Tod. Der Artikel deutet dies als erzählerische Erklärung der prekären menschlichen Existenz, die von Arbeit, Leid und Vergänglichkeit geprägt ist.
Danach wird das Gilgamesch Epos behandelt. Dieses Werk greift das Problem der Sterblichkeit erneut auf, diesmal aber stärker als Frage nach dem individuellen Lebensentwurf. Gilgamesch wird durch den Tod seines Freundes Enkidu mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert und sucht daraufhin nach Unsterblichkeit. Zwar erfährt er von einer Pflanze des Lebens, doch verliert er sie wieder an eine Schlange. Am Ende kehrt er nach Uruk zurück und erkennt, dass der Mensch sein Leben im Wissen um den Tod gestalten muss. Die Wahrheit des Mythos liegt deshalb nicht in einer historischen Information, sondern in der Deutung der menschlichen Grundsituation.
Im nächsten Schritt wendet sich der Artikel der biblischen Schöpfungserzählung in Genesis 2,4b bis 3,24 zu. Der Text wird als mehrschichtig beschrieben. In der Grundschicht steht die Einsamkeit des Menschen im Mittelpunkt. Gott erkennt, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch allein bleibt. Erst die Beziehung zwischen Mann und Frau vollendet die Schöpfung. Damit wird die Sehnsucht des Menschen nach Gemeinschaft und die Überwindung von Einsamkeit als zentrales Thema herausgestellt.
In einer weiteren Bearbeitung wird die Erzählung um den Baum der Erkenntnis erweitert. Der Mensch greift nach Erkenntnis und wird dadurch wissend, verliert aber zugleich die ursprüngliche Unsterblichkeit. Der Artikel deutet dies nicht als Bestrafung im engen Sinn, sondern als ätiologische Erzählung über die menschliche Existenz. Der Mensch ist nun zugleich wissend und sterblich. Gerade diese Verbindung macht seine Lage so belastend. Er muss als einziges Lebewesen sein Leben im Wissen um den unausweichlichen Tod führen. Außerdem thematisiert der Text den Verlust unmittelbarer Unschuld sowie die Erkenntnis der eigenen Nacktheit und Verletzlichkeit.
Eine weitere Schicht ergänzt den Baum des Lebens. Damit wird ausdrücklich gesagt, dass dem Menschen die Fülle unendlichen Lebens verschlossen bleibt. Nach dem Griff nach der Erkenntnis wird ihm der Zugang zum Baum des Lebens verwehrt. So wird die menschliche Existenz als bleibend spannungsvoll beschrieben. Der Mensch besitzt Erkenntnis, aber keine Verfügung über das ewige Leben. Darin zeigt sich seine grundlegende Begrenztheit.
Zum Schluss wird die Schöpfungserzählung Genesis 1,1 bis 2,4a einbezogen. Im Unterschied zu den mesopotamischen Mythen wird hier die tägliche Arbeit nicht als eigentliche Bestimmung des Menschen verstanden. Ziel der Schöpfung ist vielmehr die Teilhabe an der Ruhe Gottes am siebten Tag. Zugleich erhält der Mensch Verantwortung für die geordnete Gestaltung der Welt. Dadurch wird seine Würde besonders betont.
Der Artikel kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass antike Schöpfungsmythen keine Berichte über vergangene Ereignisse sind. Sie wollen nicht erklären, wie die Welt naturwissenschaftlich entstanden ist, sondern was den Menschen in seinem Wesen ausmacht. Sie deuten Arbeit, Sterblichkeit, Erkenntnis, Einsamkeit, Beziehung und Lebensführung. Für den Unterricht ist daher wichtig, dass diese Texte nicht als Konkurrenz zur Naturwissenschaft gelesen werden, sondern als religiöse Deutungen der menschlichen Existenz.