Der Artikel untersucht das Verständnis von Macht und Ohnmacht in den urchristlichen Gemeinden. Gleich zu Beginn wird betont, dass das Urchristentum keinen allseits gültigen Entwurf für die Gestaltung von Macht kennt. Die einzelnen Gemeinden entwickeln sich zu unterschiedlich, die Autoren des Neuen Testaments sind verschieden geprägt und auch ihre Wahrnehmung von Gesellschaft und Herrschaft ist nicht einheitlich. Deshalb kann man nicht von einem einzigen Modell sprechen, sondern nur nach gemeinsamen Grundlinien suchen.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist die soziale Lage des frühen Christentums. Die Gemeinden bestehen überwiegend aus Menschen der Unterschicht, etwa Tagelöhnern, Saisonarbeitern, Sklaven und ihren Familien. Zwar gibt es auch wohlhabendere und angesehene Personen, die Häuser zur Verfügung stellen oder die Gemeinden unterstützen, insgesamt aber steht das Urchristentum gesellschaftlich am Rand. Die Gemeinden besitzen kaum politischen Einfluss und keine wirkliche Macht. Gerade deshalb gewinnt der innere Zusammenhalt große Bedeutung. Soziale Fürsorge, gegenseitige Unterstützung und eine vergleichsweise egalitäre Struktur machen die Gemeinden attraktiv und tragen ihre Mitglieder in einer feindlichen oder abweisenden Umwelt.
Der Artikel zeigt dann, dass die Einschätzung staatlicher Macht im Neuen Testament unterschiedlich ausfällt. Die Johannesapokalypse sieht das römische Imperium äußerst kritisch und stellt es als unterdrückerische Macht dar. Der erste Petrusbrief wirkt wesentlich anpassungsbereiter und plädiert eher für Integration in die Gesellschaft. Auch Paulus erkennt staatliche Autorität grundsätzlich an, weil sie der Ordnung dienen soll. Diese Sicht ist aber nicht unkritisch, denn der Staat wird zugleich daran gemessen, ob er tatsächlich das Gute schützt und das Böse begrenzt. Insgesamt wird deutlich, dass die frühen Christen je nach Erfahrung und geistiger Herkunft unterschiedlich auf politische Macht reagieren.
Theologisch ist das frühe Christentum tief in der Geschichte Israels verwurzelt. Aus den prophetischen Schriften übernimmt es einen machtkritischen Grundton. Die Erfahrung von Ohnmacht, Gefangenschaft und Unterdrückung prägt den Blick auf Macht. Propheten klagen den Missbrauch von Macht an, besonders wenn Arme ausgebeutet und Schwache unterdrückt werden. Hinzu kommt die Erinnerung an die Kreuzigung Jesu. Dass Jesus als politischer Verbrecher hingerichtet wurde, macht für die frühen Christen sichtbar, wie korrumpierbar menschliche Macht sein kann. Die Kreuzigung mahnt deshalb zu Vorsicht und kritischer Distanz gegenüber jeder Form unkontrollierter Herrschaft.
Ein zentrales Strukturprinzip innerhalb der Gemeinden ist die Taufe. Paulus versteht sie als Eingliederung in den Leib Christi. Alle Getauften besitzen dadurch eine grundlegende Würde und Gleichwertigkeit. Unterschiede zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen verlieren ihre trennende Kraft. Auch die Charismen, also die verschiedenen Gaben in der Gemeinde, dürfen keine Über oder Unterordnung begründen, weil sie Geschenk des Geistes sind. Die Christologie verstärkt diese Sicht zusätzlich. Christus ist der Herr, dem alle Macht untersteht. Im Philipperhymnus wird gezeigt, dass Jesus auf Macht verzichtet, sich erniedrigt und sich den Machtlosen zuwendet. Daraus folgt, dass Macht christlich nur dann verstanden werden kann, wenn sie nicht dem eigenen Ansehen dient, sondern dem Leben und Wohl anderer.
Der Artikel beschreibt dann das apostolische Selbstverständnis des Paulus. Paulus übt durchaus Autorität aus. Er mahnt, tadelt, leitet und beansprucht seine Sendung von Christus her. Gleichzeitig weiß er um die Grenzen seiner Macht. Er versteht sich als schwaches Gefäß, als Diener und Mitarbeiter Gottes. Die Kraft, mit der er wirkt, stammt nicht aus ihm selbst. Dadurch wird seine Autorität gebrochen und relativiert. Sie ist nie Selbstzweck, sondern immer auf Christus bezogen. Auch in den Gemeinden bleibt Paulus Teil einer grundsätzlich gleichwertigen Gemeinschaft. Diese Verbindung von Leitung und Gleichheit macht einen wesentlichen Reiz der frühen christlichen Gemeinden aus.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Ämtern und Diensten. Diese entstehen zunächst eher charismatisch und situationsbezogen. Mit dem Wachstum der Gemeinden, mit zunehmender Dauer und mit äußeren Belastungen entwickeln sich festere Strukturen. Begriffe wie Presbyter und Episkopen werden übernommen, erhalten aber ein eigenes christliches Profil. Ämter sollen nicht Herrschaft sichern, sondern Verantwortung für die Gemeinde, für ihre Ordnung, ihre Versorgung und ihre Verkündigung übernehmen. Tugendkataloge zeigen, dass persönliche Eignung, Besonnenheit, Güte und Zuverlässigkeit wichtige Voraussetzungen für Leitung sind. Macht wird damit funktional und inhaltlich begrenzt. Sie ist auf das Wohl der Gemeinde und auf die Verkündigung des Evangeliums ausgerichtet.
Besonders eindrücklich ist der Abschnitt über die Johannesapokalypse. Diese Schrift entlarvt das römische Imperium als gottvergessene und menschenverachtende Macht. Die Offenbarung will die christliche Minderheit nicht nur trösten, sondern durch Erkenntnis ermächtigen. Sie deckt auf, was hinter der scheinbaren Größe Roms steht, nämlich Ausbeutung, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Zugleich verheißt sie den Schwachen Anteil an Gottes Herrschaft. Auffällig ist, dass Johannes nicht zum gewaltsamen Widerstand aufruft. Das siegreiche Symbol ist nicht der Löwe, sondern das geschlachtete Lamm. Die Macht Gottes zeigt sich nicht in brutaler Gewalt, sondern in Wahrheit, Gericht und im Wort. Auch Johannes selbst setzt auf die Macht des prophetischen Wortes. Seine Kritik will die Unterdrückten stärken und ihnen helfen, in Geduld und Treue standzuhalten.
Im letzten Teil zieht der Artikel grundsätzliche Konsequenzen. Christliche Macht muss eine alternative Form von Macht sein. Sie darf nicht willkürlich sein, sondern muss sich an Jesus, am Evangelium und am Wohl der Gemeinde orientieren. Kompetenzen sind zu beachten, Autorität muss begründet sein, und Macht braucht Kontrollmechanismen. Dienste sollen klar auf Aufgaben und Ziele ausgerichtet sein. Wichtig ist auch das Miteinander mehrerer Verantwortlicher, damit Leitung nicht an Einzelne gebunden bleibt. Am Beispiel des Paulus wird schließlich deutlich, dass Macht im Christentum vor allem dazu dienen soll, andere zu ermächtigen. Paulus gründet Gemeinden nicht, um sie abhängig zu halten, sondern um sie zur Eigenständigkeit zu befähigen. Der Artikel endet daher mit dem Gedanken, dass geistvolle Machtausübung Menschen aufrichtet, sie stärkt und ihrer Würde dient. Macht in der Kirche ist dort zu korrigieren, wo sie nicht der Verkündigung des Evangeliums und der Ermächtigung anderer dient.