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Schreiben Sie die Wahrheit, Herr Roth?

Veröffentlichung:1.1.2020

Der Fachartikel ist im Heft RELIGIONSUNTERRICHT heute 01 2020 enthalten und steht unter dem Titel „Schreiben Sie die Wahrheit, Herr Roth?“. Er umfasst die Seiten 26 bis 29. In Form eines Interviews mit dem Schriftsteller Patrick Roth wird die Wahrheitsfrage aus literarischer und religiöser Perspektive behandelt. Im Zentrum stehen Wahrheit als persönliche Wahrhaftigkeit, das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion, die Rolle von Traum und Unbewusstem sowie die Frage, wie religiöse Wahrheit in biblischen Erzählungen und im Dogma zur Sprache kommt.

Theologisch problematisiert der Beitrag vor allem: wie Wahrheit nicht nur als korrekte Aussage, sondern als existenzieller Prozess der Bewusstwerdung verstanden werden kann, wie Offenbarung und biblische Szenen als Begegnung und Erfahrung gedeutet werden, wie sich psychologische Deutung und religiöser Sinn zueinander verhalten und wie Dogma zugleich Schatz und Deutungsaufgabe bleibt, statt bloß starres System zu sein.

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Das Gespräch mit Patrick Roth kreist um die Frage, wie Wahrheit im Raum von Literatur, innerer Erfahrung und christlicher Tradition zu denken ist. Zu Beginn reagiert Roth auf die Frage nach der Legitimität, einen Künstler nach Wahrheit zu fragen, mit einer überraschend konkreten Selbstoffenbarung. Er sagt, er sei erschöpft, weil er gerade ein Manuskript beendet habe, und nennt dies seine Wahrheit. Damit verschiebt er die Wahrheitsfrage sofort weg von abstrakten Definitionen hin zu persönlicher Wahrhaftigkeit. Wahrheit erscheint als etwas, das man nicht nur behauptet, sondern das mit der eigenen Existenz und dem ganzen Einsatz zu tun hat.

Im weiteren Verlauf entwickelt Roth ein Verständnis von Literatur als Traummedium. Literatur arbeite an Übergängen zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Sprache und Bildern. Entscheidend sei, innere Bilder nicht nur ästhetisch zu verarbeiten, sondern sie genau zu lesen und ernst zu nehmen. Roth benutzt dafür das Bild Betsalel aus der biblischen Tradition als Symbol einer inneren Instanz, die auf Wahrheit zielt. Diese Wahrheitssuche ist für ihn keine Frage von künstlerischem Ruhm oder öffentlicher Wirkung, sondern eine Aufgabe der religio, also der sorgfältigen Aufmerksamkeit gegenüber dem inneren Bildgeschehen. Wahrheitsarbeit bedeutet, bewusst zu handeln, statt unbewusst von inneren Bildern, Ängsten oder Phantasien gelenkt zu werden. Bewusstsein ist die entscheidende Differenz. Darum müsse man kein Künstler sein, um diese Funktion zu leben. Es gehe um den inneren Bau eines symbolischen Tabernakels, also um eine Form, in der das Innere geordnet und bewohnbar wird.

Auf die berühmte Pilatusfrage Was ist Wahrheit im Johannesevangelium deutet Roth, dass Pilatus die Stimme Jesu nicht wirklich hört. Pilatus greife nur einen Begriff auf und verschiebe die Verantwortung ins Theoretische. Jesus dagegen lebe Wahrheit mit allem, was er habe. Wahrheit stehe dem Menschen eigentlich immer vor Augen, werde aber oft nicht gesehen oder nicht sehen gewollt. Roth warnt davor, sich im Nachhinein über Pilatus zu erheben. Die Szene spiegele eine allgemeine menschliche Versuchung, Wahrheit zu vertagen, statt sich von ihr existenziell betreffen zu lassen.

Roth vertieft seine Sicht mithilfe der Wortgeschichte. Er unterscheidet zwischen dem griechischen aletheia und dem lateinischen veritas. Aletheia beschreibt Wahrheit als Entbergung, als Herausarbeitung aus Vergessenheit und Unbewusstem. Wahrheit hat hier eine dramatische Vorgeschichte, sie muss dem Vergessen gleichsam abgerungen werden. Veritas und auch das deutsche Wort Wahrheit betonen stärker einen tragenden Zustand des Bewährens und des Schutzes. Daraus ergibt sich ein doppelter Horizont. Wahrheit ist einerseits eine dynamische Erfahrung der Bewusstwerdung und andererseits etwas, das Halt gibt und sich als verlässlich erweist. Beide Dimensionen gehören zusammen.

Das Gespräch wendet sich dann der Psychologie C G Jungs zu. Roth versteht seine Literatur als Dialog mit einer objektiven Psyche, dem Unbewussten als einem zweiten Partner im Inneren, der antwortet, fragt, korrigiert und ordnet. Träume werden nicht als Kuriositäten behandelt, sondern als ernstzunehmende Mitteilungen. Moderne Tiefenpsychologie, besonders Jung und seine Schüler, habe der Literatur neue Möglichkeiten gegeben, weil sie das Wissen über Traumprozesse und Bewusstseinsentwicklung vertieft habe. Mit diesem Wissen gehe Verantwortung einher. Wenn das Bewusstsein nicht groß genug ist, den Inhalt zu tragen, drohe Zerrissenheit und ein Überfluten durch unbewusste Affekte. Roth illustriert dies mit dem Bild, dass ein größeres Boot nötig sei, damit der Inhalt nicht das Gefäß sprengt. Andernfalls gerate der Mensch unter die Tyrannei unbewusster Affekte, die ihn mitreißen und unberechenbar machen.

Auf die Frage nach Wahrheit zwischen den Zeilen antwortet Roth praktisch. Er warnt davor, Wahrheit im Vagen zu lassen oder nur andeutungsweise zu suchen. Stattdessen empfiehlt er ein bestes Experiment mit sich selbst. Ein Traum soll aufgeschrieben werden, dann folgt eine Deutung, die zwingend in einem konkreten Handlungsatz enden muss. Daher sollte ich in meiner Alltagssituation so oder so handeln. Erst wenn man diesen Schluss wirklich lebt, reagiert das Unbewusste und korrigiert gegebenenfalls. Wahrheit entsteht so im Dialog zwischen Ich und Unbewusstem und ist nicht einfach ein objektiver Fund. Sinn wird nicht ausgegraben, sondern im Dialog erschaffen. Roth verbindet dies religiös mit der Vorstellung Deus et homo. Gott bedarf der bewussten Mitarbeit des Menschen, damit Wahrheit als Sinn im Leben Gestalt gewinnt.

Im letzten Teil des Gesprächs geht es um Auferstehung als Bild einer Umschaffung des Bewusstseins. Roth betont, dass das Neue oft zunächst fremd wirkt und Zeit braucht. Der Weg ins Neue setzt den Verlust des Alten voraus, ohne dass das Alte verleugnet wird. Trauer enthält Elemente, die für den Übergang notwendig sind. Diese Dynamik veranschaulicht er an der biblischen Szene Maria Magdalena am Grab. Roth schildert, wie er durch szenisches Nachstellen und körperlich räumliche Erfahrung eine neue Einsicht gewann, etwa durch das Vorbeigehen Magdalenas an Jesus und ihr Sichwenden auf seinen Ruf hin. Wahrheit wird hier als Begegnung verstanden, die nicht nur im Kopf passiert, sondern leiblich erfahrbar wird.

Zum Schluss wird die Frage aufgeworfen, ob man Religion nicht besser von allem Systemhaften befreien sollte. Roth widerspricht einer Abschaffung des Dogmas. Gerade wenn es um existenzielle Begegnung gehe, sei das Dogma ein Schatz, weil es über Jahrhunderte differenzierte Vorstellungen vom Heiligsten und vom Umgang mit ihm bewahre. Das Problem sei nicht das Dogma an sich, sondern dass man es nicht mehr verstehe. Aufgabe sei, seinen dramatischen Kern freizulegen, also die existenziellen und begegnungshaften Qualitäten, die in ihm wirken und die auch als psychologische Wahrheit aufgeschlossen werden können.

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