Im Gegensatz dazu plädiert Nauerth für ein anderes Modell der Konfliktbearbeitung: Mediation und „restorative justice“, also eine Form der Gerechtigkeit, die nicht auf Strafe, sondern auf Wiedergutmachung, Verständigung und Versöhnung zielt. Dabei verweist er auf positive Beispiele aus der Schule, etwa das Konzept der Streitschlichtung, in dem nicht Schuldige gesucht, sondern Lösungen ausgehandelt werden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Haltung findet Nauerth in der Figur des Franz von Assisi: Die Legende vom Wolf von Gubbio erzählt von einem gefährlichen Tier, das nicht getötet, sondern durch einen Akt der Verständigung und gegenseitigen Verpflichtung in die Gemeinschaft integriert wird. Für Nauerth ist dies ein Musterbeispiel mittelalterlicher Mediation.
Diese Tradition, so der Autor, ist in Europa weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei spielte Mediation in der europäischen Geschichte durchaus eine wichtige Rolle – etwa bei Friedensverhandlungen nach dem Dreißigjährigen Krieg, in denen Vermittler zwischen verhärteten Fronten vermittelten. Heute jedoch dominiert ein Denken in Macht, Abschreckung und Bestrafung – auch in der internationalen Politik.
Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine fordert Nauerth dazu auf, auch mit Aggressoren wie Putin den Dialog nicht auszuschließen. Das bedeutet nicht, die Verbrechen zu relativieren, sondern die Logik des Interessenausgleichs ernst zu nehmen – um weiteres Leid zu verhindern. Gerade deshalb sei es wichtig, auch in der politischen Bildung stärker auf Mediation und gewaltfreie Konfliktbearbeitung zu setzen. Nauerth schlägt vor, dass Diplomatinnen und Diplomaten Praktika in schulischen Mediationsprogrammen absolvieren sollten, um diese Haltung zu verinnerlichen.
Für den schulischen Kontext bedeutet dies: Der Text bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für den Ethik-, Politik- oder Religionsunterricht. Lehrkräfte können anhand von Rollenspielen Mediation praktisch erfahrbar machen, mit den Schüler*innen über die Wirkung von Gewalt nachdenken oder historische und gegenwärtige Beispiele gewaltfreier Konfliktlösung analysieren. Franz von Assisi kann als Impulsgeber dienen, um christliche Friedensethik mit politischer Praxis zu verknüpfen. So kann eine vergessene europäische Tradition neu entdeckt und pädagogisch fruchtbar gemacht werden.