Der Artikel setzt bei der Erfahrung der Moderne an. Leben gestalten erscheint heute zugleich als Versprechen und als Aufforderung. Menschen sollen ihr Leben selbst entwerfen, entscheiden und verantworten. Während frühere Milieus, besonders das katholische Milieu, Lebensläufe, Rollen, religiöse Praxis und Feierformen stark vorgaben, ist die Gegenwart durch Pluralisierung und Individualisierung geprägt. Dadurch gewinnen Menschen einerseits Freiheit, andererseits stehen sie unter dem Zwang, ständig wählen zu müssen. Diese Freiheit ist riskant, weil sie sowohl zu Vereinsamung als auch zu Zerstreuung führen kann. Wer sein Leben nicht aktiv gestaltet, läuft Gefahr, gelebt zu werden, anstatt selbst zu leben.
Vor diesem Hintergrund beschreibt Feiter die Aufgabe von Sakramentenpastoral, Sakramentenkatechese und Religionsunterricht. Sie dürfen nicht nostalgisch an vergangene Verhältnisse anknüpfen, sondern müssen die Situation heutiger Menschen ernst nehmen. Der Autor verweist dabei auf die französischen Bischöfe, die die Weitergabe des Glaubens als ein Vorschlagen des Glaubens beschrieben haben. Der Glaube ist also weder bloß unverbindliches Angebot noch Zwang, sondern richtet sich an die Freiheit des Menschen und braucht dessen Antwort. Dies verbindet Feiter mit dem Gedanken der rettenden Übersetzung. Religiöse Sprache und Erfahrung müssen so erschlossen werden, dass ihr humanisierender und lebensdeutender Gehalt auch in der heutigen Gesellschaft verständlich bleibt, ohne dass der Glaube dabei seines Ursprungs beraubt wird.
Ein wichtiger Bezugspunkt des Artikels ist die Pastoralkonstitution Gaudium et spes. Sie versteht die Kirche als solidarisch mit den Menschen ihrer Zeit und betont die Berufung jedes einzelnen Menschen. Gerade in einer Gesellschaft, die von Individualisierung und Wahlzwängen geprägt ist, gewinnt dieser Gedanke neue Aktualität. Die Kirche soll nicht ihre Tradition gegen die Welt abschotten oder machtvoll durchsetzen, sondern in Dialog mit der Gesellschaft treten und das Licht des Evangeliums anbieten. Dieses Licht hilft Menschen, ihre eigene Berufung zu erkennen und ihr Leben nicht bloß als Folge äußerer Zwänge oder zufälliger Entscheidungen zu erleben.
Im weiteren Verlauf entfaltet der Artikel den Begriff der Berufung. Berufung bedeutet nicht ein starres, vorgefertigtes Lebensmuster, das der Mensch nur auszuführen hätte. Vielmehr beschreibt sie das Zusammenspiel von menschlicher Freiheit und göttlicher Führung. Feiter greift dafür die Formulierung auf, dass der Mensch des Weges geführt wird, den er wählt. Damit wird deutlich, dass Gottes Wille und menschliche Selbstbestimmung nicht gegeneinander stehen. Der Mensch bleibt frei und muss wählen, aber er darf zugleich darauf vertrauen, dass Gott ihn auf seinem Weg begleitet und stärkt. Berufung wird so als lebenslanger Lernprozess verstanden, in dem Wünsche, Entscheidungen und Wege reifen, sich klären und auch durch Krisen hindurch bewähren.
Besonders wichtig ist dem Autor, Berufung als ganzheitliche Wirklichkeit zu deuten. Mit Hermann M. Stenger unterscheidet er drei Dimensionen: Berufung als Ermächtigung zum Leben, als Erwählung zum Glauben und als Beauftragung zum Dienst. Jeder Mensch ist also von Gott ins Leben gerufen, zum Glauben eingeladen und zu einem Dienst an anderen befähigt. Berufung erschöpft sich deshalb nicht in innerlicher Frömmigkeit, sondern umfasst die ganze Existenz. Sie zielt auf Selbstsein, Wachstum und verantwortetes Antworten auf den Ruf Gottes.
Im Blick auf die Lebenswelt von Lernenden stellt Feiter fest, dass viele Sakramente heute nur noch als blasse oder isolierte Erinnerungen erscheinen. Selbst dort, wo sakramentale Feiern als eindrucksvoll erlebt wurden, bleiben sie oft ohne tiefere Verbindung zum übrigen Leben. Deshalb sieht der Autor eine besondere Verantwortung für Religionsunterricht und Sakramentenkatechese darin, das Licht des Evangeliums so zur Sprache zu bringen, dass Menschen ihre Lebensgeschichte als Ort göttlicher Berufung erkennen können. Dafür gibt es keinen einfachen Königsweg. Nötig sind vielmehr Geduld, Verantwortung und Vertrauen.
Zum Schluss deutet Feiter die Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern am See von Tiberias als Bild für das Verhältnis von Lebensgeschichte und Sakrament. Das Sakrament ist einerseits Vorgeschichte des Glaubens, weil Christus sich schenkt, bevor Menschen etwas leisten. Andererseits ist es auch Nachgeschichte, weil die Erfahrungen, Mühen, Enttäuschungen und Gaben eines Menschen im Sakrament aufgehoben und verwandelt werden. So bleiben Lebensgeschichte und sakramentale Begegnung aufeinander bezogen. Daraus ergibt sich die Aufgabe, Menschen zu helfen, ihre Biografie als Vor und Nachgeschichte der Begegnung mit Jesus Christus zu verstehen und zu gestalten. Sakramente werden dadurch zu Orten, an denen Berufung gelernt und Leben im Licht des Evangeliums geformt werden kann.