Der Artikel stellt Benedikt XVI. als Autor eines persönlichen Jesusbuches vor. Ansgar Wucherpfennig betont, dass dieses Werk kein amtliches kirchliches Dokument ist, sondern ein gelehrtes und zugleich persönliches Glaubenszeugnis. Joseph Ratzinger schreibe darin bewusst auch als Professor und Theologe. Sein Buch über Jesus von Nazareth sei Ausdruck eines langjährigen Herzensanliegens, das ihn schon vor seiner Wahl zum Papst beschäftigt habe. Der Autor des Fachartikels beschreibt die Darstellung Ratzingers als sprachlich elegant, gebildet und leicht zugänglich. Zugleich sei sie tief durchdacht und theologisch anspruchsvoll.
Im Zentrum des Artikels steht die Frage, warum Benedikt XVI. gerade als Papst dieses Buchprojekt weitergeführt hat. Wucherpfennig sieht den Schlüssel dazu in der Hermeneutik des Glaubens, die Ratzinger im Vorwort seines ersten Jesusbandes entfaltet. Ratzinger kritisiert, dass die historisch kritische Exegese zwar viele Einzelheiten der Evangelien genau untersucht habe, dabei aber häufig das Gesamtbild Jesu verloren gegangen sei. Sein eigenes Ziel sei daher, die Evangelien so zu lesen, dass Leserinnen und Leser zu einer inneren Erkenntnis Jesu gelangen können. Diese innere Erkenntnis soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern zu Liebe und Nachfolge führen. Das Buch will also helfen, Jesus nicht nur historisch, sondern glaubend zu verstehen.
Der Artikel erklärt weiter, dass Ratzinger die verbreitete Annahme in Frage stellt, die Christologie der Evangelien sei nur eine spätere Rückprojektion des Osterglaubens auf das Leben Jesu. Er wendet sich gegen eine Exegese, die immer mehr Schichten der Überlieferung abträgt und am Ende nur ein blasses, unlebendiges Bild Jesu übriglässt. Dagegen vertritt Ratzinger die These, dass der Jesus der Evangelien der wirkliche historische Jesus im eigentlichen Sinn sei. Darin liegt nach Wucherpfennig das Besondere seines Buches.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bedeutung des Johannesevangeliums. Wucherpfennig setzt sich differenziert mit Ratzingers Vorliebe für Johannes auseinander. Er nennt einzelne Fragen, bei denen er nicht vollständig mit dem Papst übereinstimmt, etwa bei der Zuschreibung des Evangeliums an den Zebedäussohn Johannes. Dennoch würdigt er die hohe Bedeutung, die Ratzinger diesem Evangelium beimisst. Aus Sicht des Autors besitzt das Johannesevangelium eine besondere Nähe zum wirklichen Jesus. Seine anschaulichen Details, seine konkreten Orts und Zeitangaben und seine lebendige Darstellung der Ereignisse sprechen dafür, dass es Jesus nicht ferner steht als die synoptischen Evangelien. Darum erscheint es dem Autor nachvollziehbar, dass Johannes in beiden Jesusbänden das leitende Evangelium ist.
Der Artikel geht dann auf den zweiten Band des Jesusbuches ein, in dem Leiden, Tod und Auferstehung Jesu im Mittelpunkt stehen. Hier arbeitet Wucherpfennig heraus, dass Ratzinger Jesus als den neuen Tempel versteht, in dem die Beziehung zwischen Gott und Mensch erneuert wird. Besonders wichtig ist dabei das Motiv des wunderbaren Tausches. Jesus nimmt die Schuld der Welt in die Liebe Gottes hinein und verwandelt sie. Sein Kreuzestod wird als stellvertretendes Handeln für die Menschen gedeutet. Christus tritt an die Stelle der sündigen Menschen und trägt, was ihnen fehlt. Diese Vorstellung der Stellvertretung beschreibt Wucherpfennig als das Herzstück von Ratzingers Deutung des Paschageschehens.
Veranschaulicht wird dies am Beispiel des Petrus. Während Petrus versagt und Jesus verleugnet, hält Jesus selbst das wahre Bekenntnis durch. So zeigt sich, dass Christus den Menschen auch dort trägt, wo sie selbst schwach werden. In dieser Perspektive wird die Sendung Jesu als Heilshandeln für andere verstanden. Ratzinger sieht darin den tiefsten Inhalt seines Wirkens.
Am Ende kehrt der Artikel zu der Ausgangsfrage zurück, warum Benedikt XVI. als Papst ein solches Buch schreibt. Wucherpfennig deutet das Werk als persönliches Bekenntnis zu Jesus Christus. Der Papst schreibt als Nachfolger des Petrus, der Jesus bekennt. Zugleich zeigt das Buch aber auch, dass selbst der Nachfolger des Petrus andere Zeugen des Glaubens braucht. Kirche lebt nach dieser Sicht nicht von einem einzelnen Autor oder Amtsträger, sondern vom gemeinsamen Zeugnis vieler Glaubender. Das Jesusbuch ist deshalb nicht nur ein theologisches Werk, sondern auch ein Ausdruck kirchlicher und persönlicher Glaubenserfahrung.
Insgesamt würdigt der Artikel das Jesusbuch Benedikts XVI. als einen ernsthaften theologischen Beitrag im Gespräch mit dem Neuen Testament. Es verbindet wissenschaftliche Reflexion, geistliche Tiefe und persönliches Glaubenszeugnis. Der Fachartikel macht deutlich, dass Ratzinger mit seinem Werk zur Frage nach Jesus selbst zurückführen will und dass gerade darin seine besondere Bedeutung für Theologie und Kirche liegt.