Trotz der hohen Todeszahlen – mehr als 20.000 Menschen gelten seit 2015 beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, als gestorben oder vermisst – wagen jedes Jahr zehntausende Flüchtende diesen lebensgefährlichen Weg. Während Nichtregierungsorganisationen wie Sea-Watch oder Open Arms regelmäßig Menschenleben retten, werden sie von vielen europäischen Regierungen kriminalisiert. Gleichzeitig wird öffentlich wenig über die umstrittene Praxis berichtet, bei der die EU Boote abdrängt und Menschen der libyschen Küstenwache überlässt – obwohl ihnen dort schwere Menschenrechtsverletzungen drohen.
Surinyach sieht sich selbst als Journalistin und nicht als Aktivistin. Dennoch betont sie, dass Fotojournalismus nie vollständig objektiv sei, da bereits in der Auswahl der Motive eine Haltung sichtbar werde. Für sie geht es nicht darum, Bilder zu machen, die mehr als tausend Worte sagen – sondern Bilder zu schaffen, die tausend Fragen aufwerfen. Eine zentrale Frage sei für sie beispielsweise, warum geflüchtete Menschen aus Ländern wie Somalia oder dem Irak anders behandelt werden als ukrainische Flüchtlinge. Ihre Motivation schöpft sie aus dem Wunsch, sichtbar zu machen, was an den europäischen Außengrenzen geschieht – damit später niemand sagen kann, er oder sie habe es nicht gewusst.
Dieser Bericht eignet sich hervorragend für den Religionsunterricht, insbesondere im Kontext ethischer, gesellschaftspolitischer und theologischer Fragestellungen. So lassen sich zentrale Themen wie Menschenwürde, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und die Bedeutung von Nächstenliebe konkret und lebensnah diskutieren. Jesu Wort aus dem Matthäusevangelium „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35) gewinnt in diesem Zusammenhang neue Aktualität. Schülerinnen und Schüler können sich mit der Frage auseinandersetzen, was christliche Solidarität heute bedeutet und wie sich Kirche, Gesellschaft und auch sie selbst gegenüber Geflüchteten positionieren können. Darüber hinaus fordert der Artikel dazu heraus, über die Rolle der Medien im Umgang mit globalem Unrecht nachzudenken: Was wird sichtbar gemacht – und was lieber verdrängt?
Anna Surinyachs Arbeit kann als ein modernes Beispiel prophetischer Wachsamkeit verstanden werden. Sie zeigt, wie wichtig es ist, hinzusehen, wo andere wegschauen, und eine Stimme für diejenigen zu sein, deren Geschichten sonst nicht erzählt werden. Damit wird ihre Arbeit auch ein Aufruf an jede und jeden von uns: Verantwortung zu übernehmen – für das eigene Handeln, für das gesellschaftliche Klima und für das Leben der Menschen, die an Europas Grenzen um ihre Würde kämpfen.